Architektur Hängung

Charles Lameire (1832-1910), der bekannte Unbekannte

Das Musée d'Orsay besitzt den größten Teil der Werke aus dem Atelier des Malers Charles Lameire. Der Hauptteil dieses Fonds war Gegenstand einer Schenkung durch den Enkel des Künstlers Gilles Lameire über den Verband "Société des amis du musée d'Orsay". Dieses außergewöhnliche Ensemble wurde durch eine Schenkung des Universalvermächtnisnehmers von Gilles Lameire 2005 sowie den Erwerb von 74 Zeichnungen 2009 vervollständigt. Diesem heute quasi unbekannten Künstler wurden im Laufe seiner Karriere zahlreiche Ehrungen zuteil. Während seine Zeitgenossen sich mit der Frage des monumentalen Dekors beschäftigten, knüpfte Lameire an die jahrhundertealte Tradition der Wandmalerei an, indem er sich fast ausschließlich der Gestaltung von großen Bauensembles widmete. Dieser äußerst produktive Künstler war an den symbolträchtigsten Orten der französischen Hauptstadt am Werk, vom Pantheon bis zur Sorbonne. Seine Tätigkeit ist extrem vielfältig. Als Kunstmaler entwarf Lameire sowohl riesige Wandfresken, die mit der religiösen oder historischen Malerei seiner Zeit rivalisieren, als auch einfache Zierelemente, die er mit großer Sorgfalt in die Gebäude einfügte. Zu einer Zeit, als der Begriff der industriellen Kunst die Grenzen zwischen den Kunstrichtungen in Frage stellte, zeichnete er ebenfalls Glasmalereien, Mosaike, Tapisserie-Motive oder Illustrationen, entwarf Kunstobjekte, Plastiken und Architekturzeichnungen. Diese Ausstellung präsentiert einige hundert vorbereitende Entwürfe zu seinem Werk: Skizzen, Modelle, Schablonen (in Lebensgröße) spiegeln die berufliche Realität seiner Arbeit konkret wider.

Die ersten Projekte

Saal 17


Lameire beginnt seine Karriere im Atelier des Kunstmalers Alexandre Denuelle. Als Schüler des Architekten Felix Duban ist Denuelle einer der wichtigsten Künstler im Kontext der Neuentdeckung der mittelalterlichen Wandmalereien und arbeitet gemeinsam mit Viollet-le-Duc an der Erneuerung der architektonischen Polychromie. Nach einem 20-jährigen Dasein als Assistent seines Lehrers erhält Lameire zu Beginn der 1870er Jahre die ersten eigenen Aufträge: die Gestaltung des Privathauses des Unternehmers Jules Hunebelle (1872) und der Kirche Saint-François-Xavier (1873). Diese Bauwerke sind charakteristisch für die damalige Zeit: Während dieses erste Kirchenbauvorhaben von der Bedeutung des religiösen Dekors zeugt, die sich durch die Vermehrung der Kultusstätten unter dem Zweiten Kaiserreich stetig verstärkt, verdeutlicht das Hôtel Hunebelle die Art und Weise, wie die prachtvollen neuen Wohnsitze eines zunehmend wohlhabenden Bürgertums durch Ornamente in Szene gesetzt werden. Sie enthüllen auch die Vielfalt der stilistischen Ausdrucksweise des Kunstmalers: im Hôtel Hunebelle privilegiert Lameire die mythologische Inspiration passend zum Neo-Renaissance-Stil des Gebäudes, während er für Saint-François-Xavier mit der Ausdruckskraft des byzantinischen Stils sowie 10 Jahre später mit der Aussagekraft des Barock experimentiert.

Lameire und die dekorativen Künste: Von der Malerei zur Architektur

Saal 19


Um seinen Lehrer Denuelle zu übertreffen, entwirft Lameire 1866 ein Projekt für ein Kirchen-Modell mit dem Titel "Catholicon", ein globales Werk, das alle Künste fusioniert - Architektur, Malerei, Bildhauerei und dekorative Kunst. Nach diesem ehrgeizigen Versuch, der ihm zu bleibender Berühmtheit verhilft, konzentriert sich Lameire im Zuge seiner Karriere weniger auf diese Ziele, sondern setzt auf enge Zusammenarbeiten mit den bekanntesten Architekten seiner Zeit: Gabriel Davioud, Paul Abadie, Juste Lisch, Edouard Corroyer, Emile Vaudremer oder auch Charles Garnier. Er bemüht sich gemeinsam mit ihnen, die Gestaltung unvollendeter historischer Monumente harmonisch zu ergänzen, wie Saint-Martin d'Ainay (Lyon), Notre-Dame des Menus (Boulogne-Billancourt) oder Saint-Front de Périgueux, und trägt dazu bei, die ästhetische Einheit der jüngsten Bauprojekte zu wahren, wie z.B. der Trocadéro oder der Comptoir d'Escompte. Als er von der Verwaltung den Auftrag erhält, sich mit der Entwicklung der industriellen Kunst zu beschäftigen, interessiert sich Lameire für die Anwendung der Zeichenkunst in den dekorativen Künsten wie Glasmalerei, Tapisserie, Mosaik und Keramik. Indem er jene Reflexion fortsetzt, die er im Rahmen seines Projekts Catholicon über die Ausdruckskraft der Künste im Raum initiiert hat, entwirft Lameire ebenfalls Kunstobjekte, Skulpturen oder Architekturen.

Eine militante katholische Kunst

Saal 20


Wie Hipplyte Flandrin, Paul Janmot oder Maurice Denis wird Lameire während seiner gesamten Laufbahn von tiefen religiösen Überzeugungen und einem militanten Katholizismus angetrieben. Seine Berufsanfänge fallen mit den großen künstlerischen Bauprojekten der „Regierung der moralischen Ordnung“ zusammen, die nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs darauf bedacht ist, die gesellschaftliche Organisation auf Grundlage der Kirche zu wahren. Mit der Ausrufung der antiklerikalen Republik engagiert sich Lameire weiterhin in den bedeutendsten religiösen Bauprojekten seiner Zeit, um den Katholizismus im Umbruch zu stärken. Seit dem Projekt Catholicon zielen seine künstlerischen Bestrebungen im Zusammenhang mit der Religion darauf ab, sowohl eine erzieherische als auch emotional berührende Wirkung zu erreichen. Die Kunst von Lameire respektiert stets die umgebende Architektur und erforscht die didaktischen Eigenschaften der historischen Malerei (Notre-Dame de Fourvière et Chapelle Saint-Louis des Français, Notre-Dame de Lorette, Italien). Der griechischen Kathedrale von Paris zieht er die einfache allegorische Sprache der byzantinischen Kunst vor. Allgemein bewegen ihn die Anforderungen der dekorativen Praxis dazu, Formen und Farben zu vereinfachen (Grabkapelle von Madame de Bonald).

Große prestigeträchtige Bauvorhaben

Saal 21


Am Höhepunkt seiner Karriere wird Lameire gebeten, sich an den großen dekorativen Bauvorhaben der III. Republik zu beteiligen, die sich der Monumentalkunst bedient, um die republikanische Ideologie zu verbreiten. Auf den bedeutenden Auftrag für das Dekor der assyrischen Säle des Musée du Louvre (1883), wodurch diese legendäre Zivilisation, deren erste Fundstücke in den 1840er Jahren zu Tage befördert wurden, der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden sollte, folgen überaus wichtige Bauvorhaben für die republikanischen Machthaber wie die Dekoration des Pariser Rathauses (1884) oder der Sorbonne (1890). Parallel dazu setzt Lameire seine Aktivität im Rahmen großer religiöser Bauprojekte fort, die von nun an von Privatinitiativen abhängig sind: Für die Kirche La Madeleine greift der Abt Le Rebours auf die finanzielle Unterstützung der Pfarrgemeinde zurück, um das Dekor des Mittelschiffs zu vollenden. Während dieses sehr umstrittene Vorhaben dem Künstler die Gelegenheit bietet, seine Fähigkeiten zur synthetischen Wahrung von Architektur und Dekor einer bereits vorhandenen Baustruktur unter Beweis zu stellen, kann er sich im Rahmen des Louvre-Projekts an der dekorativen Schlichtheit der archaischen assyrischen Kunst orientieren und ein imaginäres Dekor entwerfen, das allerdings den archäologische Wissensstand konsequent berücksichtigt.

Charles Lameire.... in einigen Daten

Oktober 1832
Geburt in Paris (7. Arrondissement) von Charles Joseph Lameire, 5. Kind von Joseph Lameire, Weinknappe am Königshof, und Madeleine Rouyer.

1842-1850
Autodidaktische Ausbildung, bezeugt durch seine Skizzenhefte und eine Genehmigung vom 17. Juli 1852, um die pflanzenfressenden Arten im Zoo des Jardin des Plantes zu studieren.

1853
Bauvorhaben Saint-Germain-des-Prés und vermuteter Eintritt von Lameire in das Atelier von Alexandre Denuelle.

1863
Heirat in Paris mit Pauline Charron.

1863
Geburt seiner Tochter Clotilde in Paris (7. Arr.).

1864
Geburt seines Sohnes Irenée in Paris (7. Arr.).

1866
Das Projekt Catholicon wird im Salon de Paris ausgestellt.

1867
Ritter der Ehrenlegion.

1872
Dekoration des Wohnsitzes des Unternehmers Jules Hunebelle (7. Arr. in Paris)

1872
Mitglied der Kommission zur Perfektionierung der Manufaktur von Sèvres.

1872
Dekoration der Kathedrale von Moulins.

1872
Das Projekt Saint-Front de Périgueux wird im Salon de Paris ausgestellt.

1872-1879
Gemaltes Relief-Dekor der Kirche Notre-Dame-des-Menus in Boulogne-Billancourt.

1873
Gemaltes Dekor der Kirche Sainte-Anne d'Auray (Architekt Edouard Deperthes*).

1873-1875, dann 1883-1884
Gemaltes Dekor der Kirche Saint-François-Xavier (7. Arr. in Paris, Architekt Joseph Uchard).

1874
Ankündigung in der Presse der Berufsbeendigung von Denuelle, der seine Kundschaft Lameire anvertraut.

1874
Projekt für das Auswahlverfahren der Basilika Sacré-Coeur mit Gabriel Davioud (2. Platz).

1874
Gemaltes Dekor der Kapelle des Klosters Sacré-Coeur des Dames-Auxiliatrices (Paris 7. Arr., Architekt Juste Lisch, Dekor zerstört).

1875
Dekoration seines eigenen Wohnsitzes in der Avenue Duquesne (Paris 7. Arrondissement, Architekt Emile Vaudremer, Haus und Dekor verschwunden).

1876
Projekt für das gemalte Dekor der Klosterkapelle Les Dames des Oiseaux (Issy-les-Moulineaux, Architekt Just Lisch).

1876
Reliefs der Kirche Saint-Loup-de-Naud et der Kathedrale von Tours, im Salon de Paris ausgestellt.
Maroufliertes Dekor für die Kirche Saint-Lambert-de-Vaugirard (Paris 15. Arrondissement).
Gemaltes Dekor für die Kirche Saint-Leu-Saint-Gilles (Paris 1. Arrondissement).

1877-1878
Gemaltes Dekor des Palais du Trocadéro (Paris 16. Arrondissement, Architekt Gabriel Davioud, Dekor verschwunden).

1878
Dekor für die Bibliothèque des Bulles im Saal der Unbefleckten Empfängnis im Vatikan (Möbelstück gezeichnet von Emile Reiber, ausgeführt vom Haus Christofle).
Zeichnungen für Nachfolge Christi.
Kartonentwurf für das Dekor des neuen Gebäudes der Manufaktur von Sèvres und des Museums.
Installation von La Vase d'Hercule [Die Vase von Herkules] in der Großen Galerie im Louvre.

1879
Tod von Denuelle.
Mitglied der Kommission für Denkmalpflege.
Gemaltes Dekor der Kapelle Saint-Denis der Kirche Saint-Merri (Paris 4e).

1882
Kartonentwürfe für das Mosaik des Kasinos von Aix-les-Bains (Architekt Abel Boudier).

1880-1882
Dekoration des Wohnsitzes des Architekten Edouard Corroyer (Paris 8. Arrondissement, Architekt Edouard Corroyer, Dekor verschwunden).

1881-1884
Dekoration und Vorlagen für die Glasfenster der Kirche Saint-Sulpice (Paris 6. Arrondissement).

1882-1883
Vorlagen zu den Mosaiken des Comptoir d'Escompte (Paris 9. Arrondissement, Architekt Edouard Corroyer).

1883
Gemaltes Dekor der assyrischen Säle im Musée du Louvre (Paris 1. Arrondissement, Dekor verschwunden).

1884
Gemaltes Dekor für das Rathaus von Paris (4. Arr., Architekten Théodore Ballu und Edouard Deperthes).
Gemaltes Dekor des Justizpalastes von Rouen.
Tod seiner Tochter Clotilde.

1885-1890
Projekt für ein Denkmal zu Ehren von Johanna von Orléans und der Befreier Frankreichs (Paris 1. Arrondissement).

1886-1892
Vorlagen zum Mosaik von Notre-Dame de la Garde (Marseille, Architekten Henri Espérandieu und Henri Révoil).

1888
Schenkung des Ziboriums, das er gemeinsam mit Louis-Armand Calliat angefertigt hatte, an Papst Leon XIII (in der Basilika Sacré-Coeur niedergelegt).

1889
Dekor des Hotel Terminus am Bahnhof Saint-Lazare (Paris 9. Arrondissement, Architekt Juste Lisch, Dekor verschwunden).
Dekor für den Argentinien-Pavillon der Universalausstellung (Architekt Roger Ballu, Bauwerk und Dekor verschwunden).

1890
Gemaltes Dekor im Salle des Comités der Sorbonne (Paris 5. Arrondissement, Architekt Paul Nénot).

1892
Tod seiner Gemahlin Pauline.

1889-1893
Vorlagen zu den Mosaiken für die Kirche La Madeleine (Paris 8. Arrondissement).

1894-1895
Gemaltes Dekor der griechisch-orthodoxen Kapelle in der Rue Bizet (Paris 16. Arrondissement, Architekt Emile Vaudremer).

1895-1897
Gemaltes Dekor der Kapelle Saint-Louis-des-Français der Kathedrale Notre-Dame de Lorette (Italien).

1897
Auftrag für Vorlagen zu den Mosaiken der Basilika Fourvière, vollendet 1918 vom Maler Georges Décöte (Lyon, Architekten Pierre Bossan und Sainte-Marie Perrin).

1898
Mitglied der Kommission zur Perfektionierung der Gobelins-Manufaktur und der Hohen Kommission der dekorativen Künste.

1899
Gemaltes Dekor der Kuppel des Kreuzbogens und der Gewölbezwickel der Kirche Saint-Martin d'Ainay (Lyon).

Gegen 1905
Maroufliertes Dekor für die obere Kapelle des Château de la Rochepot (Architekt Charles Suisse).

1906
Gemaltes Dekor der Grabkapelle von Madame de Bonald in der Kirche Notre-Dame-du-Désert (Les Baux-de-Breteuil).

1909
Die dekorativen Malereien, Skizzen, Zeichnungen von Charles Lameire werden in Paris vom Verleger und Buchhändler Armand Gérinet herausgegeben, der auf Architektur und dekorative Künste spezialisiert ist.

1910
Tod in Sainte-Foy-lès-Lyon.

*die Namen der Architekten werden nur für die zeitgenössischen Gebäude erwähnt.

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