Gustave Courbet (1819-1877): Eine Biografie

"Das Getöse kam einem Wirbelsturm gleich, der die Fenster des Ausstellungsraums erschütterte und zersplitterte"
(Castagnary, 1884)

Gustave CourbetMann mit Ledergürtel© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Gustave Courbet wird 1819 in Ornans, einer kleinen Stadt im Herzen der Franche-Comté geboren. Er ist der Älteste und der einzige Junge von vier Geschwistern. Seine Familie lebt in Eintracht und ist dank des bedeutenden Grundbesitzes des Vaters sehr vermögend. Courbet drückt sein Leben lang seine Zuneigung für seine Familie aus. Er fertigt zahlreiche Porträts von ihnen an, manchmal inmitten der Figuren einer seiner großformatigen Leinwände. Ebenso verbunden fühlt er sich mit seiner Heimat, die als Dekor für zahlreiche Gemälde dient. Im Laufe seines Lebens besucht Courbet die nordeuropäischen Länder, wo er sehr geschätzt wird, er wohnt in Paris, begibt sich in die Saintonge, die Heimat seines Freundes Castagnary, reist mit dem amerikanischen Maler Whistler in die Normandie oder auf Einladung seines Freundes und Mäzens Bruyas nach Montpellier. Doch er kehrt immer wieder in die Franche-Comté zurück.

Courbet schlägt mit „unerschütterlichem Selbstvertrauen und unbezwingbarer Hartnäckigkeit“(Castagnary) die künstlerische Laufbahn ein. Seine Karriere gliedert sich in vier Schlüsselperioden.

Die jungen Jahre (1833-1848)

Gustave Courbet 
 (1819-1877)
 L'homme blessé [Der Verletzte]
 Zwischen 1844 und 1854
 Öl auf Leinwand
 H. 81,5; B. 97,5 cm
 Paris, Musée d'Orsay
Gustave Courbet Der Verletzte© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / DR
Im Alter von vierzehn Jahren wird Gustave Courbet von Père Baud aus Ornans, einem Professor und Schüler von Gros, in die Malerei eingeführt. Ab 1837 setzt er seine Ausbildung in Besançon bei einem Bewunderer von David fort.

Mit zwanzig schreibt sich Courbet in Paris an der juristischen Fakultät ein. Der junge Mann wendet sich jedoch schnell von seinem Studium ab und hält sich lieber im Atelier von Steuben oder von Père Suisse auf. Er studiert die Meister des Louvre wie Rembrandt, Hals, Rubens, Caravaggio oder Tizian. In der „spanischen Galerie“ von Louis-Philippe entdeckt er Velásquez oder Zurbaran, für den sich auch Manet begeistern wird. Unter den französischen Malern bewundert er Géricault und Delacroix, zwei romantische Meister, die auf großformatigen Leinwänden Episoden der Gegenwartsgeschichte illustrieren.

Zu dieser Zeit sucht sich Courbet noch. Mehrmals stellt er sich emphatisch dar (Der Verzweifelte, 1841; Mann mit schwarzem Hund, 1842; Der Verletzte, 1844-1854, Mann mit Ledergürtel. Künstlerporträt, 1845-1846).
Jenseits der Einflüsse der alten Meister und der Romantiker ist hier schon der Ehrgeiz des jungen Künstlers zu spüren, in der Kunstgeschichte dank seiner eigenständigen und aufrichtigen Malerei eine herausragende Rolle zu spielen.

„da es ja tatsächlich Realismus ist...“ (1848-1855)

1848 kann Courbet, der bisher nur wenig Gemälde auf dem Salon ausgestellt hat, nun endlich rund zehn Bilder präsentieren. Sein Werk fällt auf und er schließt Freundschaft mit dem Kunstkritiker Champfleury. Von nun an ist er allgemein anerkannt, was im folgenden Jahr durch den Erwerb von Seiten des Staates von Nach dem Essen in Ornans (Lille, Musée des Beaux-Arts) bestätigt wird. Er wird dafür mit der Medaille der zweiten Klasse ausgezeichnet und muss folglich bis 1857 - danach ändern sich die Vorschriften - seine Bilder nicht mehr an die Jury senden.

Gustave Courbet 
 (1819-1877)
 Un enterrement à Ornans, dit aussi Tableau de figures humaines, historique d'un enterrement à Ornans [Ein Begräbnis in Ornans]
 Zwischen 1849 und 1850
 Öl auf Leinwand
 H. 315; B. 668 cm
 Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Mademoiselle Juliette Courbet, 1877
Gustave CourbetEin Begräbnis in Ornans© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Andere Werke jedoch stoßen auf Unverständnis und führen zu Skandalen, wie 1849 Die Steinklopfer (das Werk wurde zerstört) und Ein Begräbnis in Ornans auf dem Salon von 1850-1851. Der akademischen Tradition zufolge sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts großformatige Leinwände der Darstellung historischer, biblischer, mythologischer oder allegorischer Themen vorbehalten. Courbet widersetzt sich dieser Tradition und malt auf seine riesigen Leinwände ein vertrautes Universum. Er ist der Ansicht, dass die Zeitgeschichte, und sei es die der Leute aus dem Volk, große Formate wert ist. Mit der Aussage, dass „die historische Kunst ihrem Wesen nach zeitgenössisch ist“, verleiht Courbet seinem Wunsch Ausdruck, die Historienmalerei zu erneuern. Der Originaltitel Begräbnis, historisches Gemälde eines Begräbnisses in Ornans ist von diesem Standpunkt aus sinnbildlich.

Im Laufe dieser Periode macht Courbet eine für seine weitere Karriere maßgebliche Bekanntschaft. Alfred Bruyas (1821-1877), ein wohlhabender Kunstsammler aus Montpellier kauft Die Badenden. Von nun an wird es dem Künstler dank des Förderers möglich, von seiner Malerei zu leben. Auch im Ausland wird er anerkannt. Schon 1854 streitet man sich in Berlin und Wien um die Ehre, Courbet auszustellen.

Den Höhepunkt dieser Periode erreicht der Künstler mit seinem Das Atelier des Malers (1854-1855), ein regelrechtes Manifest, auf dem Courbets künstlerische und politische Entscheidungen sichtbar werden. Courbet gibt dem Werk, das fast vier Meter auf sechs Meter misst, den vielsagenden Untertitel Eine wirkliche Allegorie, die sieben Jahre meines Künstlerlebens zusammenfasst.
Die Jury des Salons von 1855 nimmt mehr als zehn Gemälde von Courbet an, lehnt jedoch sein Atelier aufgrund des Formats ab. Diese Entscheidung führt dazu, dass Courbet parallel zur Weltausstellung eine Ausstellung in einem von ihm errichteten Bauwerk, dem „Pavillon des Realismus“, organisiert.

Die erfolgreichen Jahre (1856-1870)

Gustave CourbetDie Steilküste von Etretat nach dem Sturm© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Dank des 1857 auf dem Salon ausgestellten Bildes Mädchen am Seineufer (Paris, Petit Palais) bildet sich ein Kreis treuer Kunstfreunde und Verfechter um ihn.
Courbet stellt regelmäßig auf dem Salon aus, die Aufträge häufen sich. In seinen zahlreichen Werken widmet er sich sehr verschiedenen Themen: Jagdszenen, Landschaften, Stillleben mit Blumen. Doch der Künstler kann nicht umhin, einen neuen Skandal hervorzurufen: Rückkehr von der Konferenz (1863, das Werk ist verschwunden, es wurde vermutlich von einem empörten Zeitgenossen mit der Absicht erworben, es zu zerstören) zeigt beschwipste, verwirrt umherirrende Geistliche auf einer Landstraße. Das Gemälde wird 1863 auf dem Salon „wegen Verstoßes gegen die religiöse Moral“ abgelehnt. Selbst der Zutritt zum Salon des Refusés (Salon der Zurückgewiesenen) wird ihm verweigert!
Im folgenden Jahr wird Venus und Psyche (ein zerstörtes Werk) wegen „Anstößigkeit“ vom Salon abgelehnt. In diesem Zeitraum malt Courbet sein provokatorischstes Werk Der Ursprung der Welt (1866), das der Öffentlichkeit viele Jahre lang verborgen blieb.

Anlässlich der Weltausstellung 1867 in Paris stellt Courbet neun Gemälde auf dem Salon aus. Nichtsdestoweniger organisiert er erneut eine persönliche Ausstellung in einem auf der Place de l’Alma errichteten Gebäude. Die Öffentlichkeit kann dort rund einhundertvierzig Werke bewundern.
Im Sommer 1869 hält sich Courbet in Etretat auf. Er führt dort Stürmische See oder Die Welle und Die Klippen von Etretat nach dem Sturm aus. Auf dem Salon 1870 werden diese beiden Gemälde von Erfolg gekrönt. Courbets Ruf ist nun gesichert.

Courbet und die Kommune (1870-1871)

Gustave CourbetCourbet in Sainte Pélagie© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Thierry Le Mage
Nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs wird Courbet zum Präsidenten der Fédération des artistes (Künstlerbund) gewählt. Als Paris von den preußischen Armeen belagert wird und viele Menschen aus der Hauptstadt fliehen, bleibt Courbet an Ort und Stelle. Er, der schon mit Interesse die Ereignisse von 1848 verfolgt hatte, dachte vermutlich an seinen Großvater, einen Sansculotte von 1789.

Im Februar 1871 bestätigt sich sein Engagement: er kandidiert für die Parlamentswahlen, ohne Erfolg. Im April 1871 beauftragt ihn der Exekutivausschuss der Kommune von Paris mit der Wiedereröffnung der Pariser Museen und mit der Organisation des Salons.
Gustave Courbet wird zum Stadtrat und somit zum Mitglied in der Pariser Kommune gewählt, ist jedoch kein Nationalgardist und nimmt folglich nicht an den Kämpfen teil. Der Maler wird am 7. Juni von den Versaillern verhaftet und im September zu 6 Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 500 Francs verurteilt, zuzüglich 6850 Francs für Verfahrenskosten. Das Urteil fällt angesichts der Todesstrafen und Deportationen anderer Kommunarden relativ mild aus… doch dies ist erst der Anfang seiner gerichtlichen Unannehmlichkeiten.

Harte Zeiten (1871-1877)

Louis BoitteSatirisches Projekt für ein Courbetdenkmal an der Place Vendôme© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Am 12. April 1871 beschließt die Kommune die Zerstörung der von Napoleon I. errichteten Vendôme-Säule, Symbol des Ersten und Zweiten Kaiserreichs: 16. Mai 1871, Sturz der Säule, vier Tage vor der Wahl Courbets. Doch der Künstler hatte unvorsichtigerweise im September 1870 eine Petition bei der Regierung der Landesverteidigung eingereicht, in der er um die Genehmigung bat, die Säule „niederzureißen“.
1873 wird Courbet nach einem neuen Verfahren schuldig gesprochen. Er wird dazu verurteilt, die Kosten für den Wiederaufbau der Säule in Höhe von 323 091 Francs zu tragen. Courbet verliert einen Großteil seines Vermögens und lässt sich, aus Angst erneut verhaftet zu werden, in der Schweiz nieder.

Während seines Exils beschlagnahmt der Staat seinen gesamten Besitz, überwacht seine Freunde und Familie. Die politische Unbeständigkeit der 3. Republik ist sehr ungünstig für die ehemaligen Kommunarden. Courbet bleibt in der Hoffnung auf Begnadigung in der Schweiz.

Gemälde
Gustave Courbet Die Forelle© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Er weigert sich, nach Frankreich zurückzukehren. Trotz des wohlwollenden Empfangs der Schweizer verfällt der Maler dem Alkohol. Er schafft nur noch sehr wenige Werke, die seiner würdig sind. Geldprobleme und die gerichtlichen Verfahren lassen ihn nicht mehr lo. Er stirbt am 31. Dezember 1877 in la Tour-de-Peilz, einige Tage nachdem sein Pariser Atelier auf einer Versteigerung aufgelöst worden war.

Die Nachwelt

Gustave CourbetJagd auf den Hirsch© musée d'Orsay
„Sehen Sie den Schatten im Schnee, wie blau er ist... Das wissen die Ateliermaler nicht.“ Diese Aussage des Malers, die von Castagnary zitiert wird, ist eine Aufforderung, nach dem Motiv zu malen und bereitet den impressionistischen Recherchen, Schatten farbig darzustellen, den Weg. Insbesondere Cézanne ist voller Bewunderung für seine Landschaften: „Dank seines Einflusses erhält die poetische Darstellung der Natur, der Geruch nassen Laubs und moosbedeckter Steine im Wald ihren Einzug in die Malerei des 19. Jahrhunderts [...]. Und den Schnee, er malt ihn wie kein anderer!". In den 1860er Jahren verwendet Cézanne Courbets Spachteltechnik. Er übernimmt auch seine dunklen Farben und seinen dicken Farbauftrag.

Edouard Manet (1832-1883) leugnet nicht Courbets Einfluss. Auch er liebt Skandale und Sarkasmus. Frühstück im Grünen wird 1863 auf dem Salon abgelehnt und auf dem Salon des Refusés ausgebuht. Seine Olympia, eine herausfordernde „gelbbäuchige Odaliske" stößt 1865 auf heftige Kritik. Manet befreit sich bewusst von den akademischen Regeln und folgt dem von Courbet vorgezeichneten Weg.

James McNeill Whistler (1834-1903), Courbets Schüler, steht dem Künstler sehr nahe. Joanna Hiffernan, genannt Jo die Irin, die Geliebte des amerikanischen Künstlers, soll das Modell von Ursprung der Welt (1866) sein. Courbet malt mit ihm wie auch mit Eugène Boudin (1824-1898) das Meer in der Normandie.

Gemälde
Claude MonetFrühstück im Grünen© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
In span class="italiquenoir">Frühstück im Grünen (1866), stellt Claude Monet (1840-1926) einen beleibten Burschen dar, der Courbet ähnlich sieht. Letzterer besuchte übrigens den jungen Künstler, als er gerade dabei war, das Gemälde in dem Atelier, das er mit Bazille teilte, zum Abschluss zu bringen.

Carolus Duran (1837-1917) wurde von Courbet Anfang der 1860er Jahre beeinflusst.

Zur gleichen Zeit lernt Henri Fantin- Latour (1836-1904) Gustave Courbet kennen und arbeitet in seinem Atelier.

Renoir (1841-1919) steht auch in seinen jungen Jahren unter dem Einfluss Courbets. Insbesondere seine Akte prägen ihn nachhaltig.

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