Fotografische Hängung

Schon seit 1978, als die Gründung des Musée d'Orsay beschlossen wurde, stand fest, dass in dem neuen Museum auch eine fotografische Sammlung eingerichtet wird. Dies war ein sehr innovativer Schritt, da sich Kulturgut bewahrende Einrichtungen damals kaum für dieses Medium interessierten. Die ex nihiloentstandene fotografische Sammlung des Musée d’Orsay umfasst heute rund fünfzigtausend Werke und wird ständig durch Neuzugänge bereichert.
Im Erdgeschoss sind ihr zwei Säle gewidmet, in denen thematische Hängungen den Besuchern dieses facettenreiche Ensemble präsentieren.

Derzeit: La confusion du genre

Fotografische Sammlung, Saal 19
15. April-Juli 2013


Wilhelm von GloedenÉphèbe© Musée d'Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Die fotografische Sammlung des Musée d’Orsay birgt ganz erstaunliche Beispiele von Aktdarstellungen. In Anbetracht ihrer Vielfalt mag man sich über den Verwendungszweck dieser Bilder wundern, die paradoxerweise in einem Jahrhundert, das sich durch seine hohe Schamschwelle auszeichnet, allgegenwärtig sind.
Diese Sammlung, die dem Kanon der bildenden Künste entspricht, deckt bei Weitem nicht alle Tendenzen der Geschichte der Aktfotografie ab. Die Aufnahmen können im Wesentlichen dem künstlerischen Bereich zugeordnet werden: Aktstudien, die lange Sitzungen im Atelier ersetzen; Studien und Material, das Malern, Bildhauern und Dekorationsmalern als Repertoire für Gesten und Haltungen dient; Abzüge von Künstlern, die die Möglichkeiten dieses Mediums ausschöpften, als sich die Technik gegen Ende 1880 vereinfachte; „künstlerische” Aktfotos, die die Piktorialisten Ende des 19. Jahrhunderts anfertigten, um die Fotografie dem Gemälde und der Zeichnung gleich zu setzen.

Im Rahmen der letztgenannten Bewegung wird die Aktfotografie zum ersten Mal auf Fotoausstellungen präsentiert. Die erotische Dimension wird durch Unschärfe, Licht- und Schatteneffekte, kunstvolle Drapierungen, die die Genitalien verhüllen, Retuschierung zur Beseitigung von störenden Härchen oder Unvollkommenheiten oder durch fotomechanische Druckverfahren abgeschwächt.

Eugène Atget Nu de dos dans un intérieur © RMN (musée d'Orsay) / Michèle Bellot
Während die Aktkunst in der Malerei und Bildhauerei dazu bestimmt ist, die Schönheit des Körpers zu verherrlichen oder seine Formen für eine Allegorie zu verwenden, bekundet der fotografische Akt die Existenz hic et nunc eines individuellen Modells und enthüllt unbarmherzig dessen Anatomie, er lässt „die mageren Beine, die gewöhnlichen Gelenke der Füße und Knie sowie Schwielen erkennen” (Disdéri, 1862).

Diese Hängung soll die oben genannte Frage ansatzweise beantworten: Von den ersten äußerst präzisen Daguerreotypien, die durch die räumliche Tiefenwirkung des zart kolorierten Stereofotos vervollkommnet werden und die oftmals die Regeln der Studien am lebenden Modell verfremden (aufreizender Blick, charakteristische Accessoires eines Boudoirs, gleichzeitige Verhüllung und Enthüllung durch den Einsatz von Schleier und Spiegel) bis zum ethnografischen Alibi, das die Andersheit erfasst und detailliert, um die Bilder von nackten Körpern zu rechtfertigen, oder Nadars Aufnahme eines Hermaphroditen, die eine anatomische Eigentümlichkeit aufzeigen soll, sowie Stieglitzs Porträt von Georgia O'Keeffe und letztendlich die Inszenierung erotischer Fantasien, die nur für einen kleinen Kreis bestimmt sind: der fotografische Akt ist keine Gattung.