Musée d'Orsay: Fotografische Hängung

Fotografische Hängung

Die kleinen Missgeschicke des Fotografen

Unfälle, kleine Patzer und Überraschungen im Bereich der Fotografie des 19. Jahrhunderts

Raum 19 bis 14. Januar 2018

Glasnegativ
Paul Burty-HavilandGruppenbild (Superpositionsprinzip): De Zayas, Picabia© Adagp - RMN-Grand Palais (musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Baudelaire war kein Anhänger der Fotografie. Von den zahlreichen Porträts, die Carjat, Nadar und Neyt von ihm machten, fand nur ein einziges Porträt Gnade vor seinen Augen: nämlich das Porträt, das seiner Ansicht nach „die Unschärfe einer Zeichnung“ aufwies. Anders als zahlreiche seiner Zeitgenossen schätzte er bei diesem Porträt nicht die Ähnlichkeit mit dem Modell, sondern die in diesem Porträt ausgedrückte Sensibiltät.

Unschärfe, Kernschatten, Eindringlinge im Sichtfeld, Verformungen, Gegenlicht, Vignettierung, Halo, Überlagung, Schleier, Picoture…: die Liste der Misserfolge und unerwünschten Effekte, die bei der Aufnahme selbst, bei der Entwicklung der Aufnahmen und auch während deren Lebensdauer auftraten, ist lang. Während der ersten 40 Jahre der Fotografie basierten die anwendbaren Normen für die meisten Nutzer – Künstler, Fachleute oder auch Laien – hauptsächlich auf dem malerischen Modell. Hierbei spielten vor allem eine ausgeglichene Zusammensetzung, der Mimesis-Effekt und die Schönheit des Endergebnisses eine wichtige Rolle. Die fehlerhaften Negative und Abzüge waren schon vom Prinzip her ausschließlich für den Abfall bestimmt.

Gegen Ende des Jahrhunderts führte das Inerscheinungtreten von Silber-Bromid-Gelatine-Abzügen zu Zeitgewinnen bei der Entwicklung der Aufnahmen. Die Vermarktung von tragbaren und handlicheren Apparaten – wie z. B. des Apparates Pocket Kodak – führte zu einer kompletten, bisher nie gekannten Neu- und Umgestaltung der visuellen Gewohnheiten. Neue Objekte gelangten in den Fokus möglicher Repräsentationen. Hierbei handelte es sich oftmals um ungewöhnliche Perspektiven und Ansichten: verschobene Bildausschnitte, perspektivische Wechsel von unten und oben, Auf- und Untersichten, Nahaufnahmen. Die Sofortbilder führten zu einer Ikonografie von Banalitäten, Stillstandszeiten, fehlender Höhepunkte – mit anderen Worten von Bildern ohne besondere Qualitäten. Die bisher verbannten Fehler wurden für ein breites Publikum an Fotografen interessante Quellen für Spaß und Belustigungen, und fast schon eine interessante Gelegenheit, um neue technische Möglichkeiten und Plastiken dieses Mediums zu erkunden und auszuprobieren. Hierbei entstand im 19. Jahrhundert eine Sammlung zuverfälliger, jedoch äußerst fruchtbarer Formen. Es galt bei den Avantgardisten der zwanziger und dreißiger Jahre sogar als Ausdrucksform der Modernität selbst: Dadaismus, Surrealismus und Nouvelle Vision.

„Es gibt Tage, an denen einfach alles drunter und drüber geht, und dies sowohl in der Fotografie als auch in der Politik. Man möchte alles richtig machen, man gibt sich viel Mühe, und das Ergebnis ist dennoch bedauerlich schlecht, und entspricht keinesfalls den zuvor gesetzten Erwartungen. Man versteht dann die Welt nicht mehr, und schon bald, vollkommen entmutigt, beschuldigt man das Schicksal, um nicht zu sagen seine eigene Ungeschicklichkeit, die sich in den meisten Fällen als einziger Schuldiger erweist“.
E. Aillaud, „Les petites misères du photographe“, Le Petit photographe, Oktober 1901

Die Thematik dieses „Zusammenstoßes“ hat den Arbeiten von Clément Chéroux, Konservator im San Francisco Museum of Modern Art, insbesondere in Fautographies (2003), viel zu verdanken.

Kuratorin:

Marie Robert, Konservatorin für Fotografie im Musée d'Orsay

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