Skulptur

Vom Übermaß in die Vergessenheit

Das 19. Jahrhundert erweist sich als ganz besonders produktiv für die Bildhauerei: die triumphierende Bourgeoisie und die politische Macht ergreifen Besitz von dieser Kunst, erstere zur Ausschmückung ihrer Wohnsitze und um ihre soziale Stellung zur Schau zu stellen, letztere damit die Ideale und Überzeugungen der Epoche in die Ewigkeit eingehen. Die Nachfrage für diese Kunst ist folglich gewaltig, hängt jedoch auf Grund ihrer Kosten fast ausschließlich von öffentlichen Aufträgen ab. Nach 1945 wendet sich die Kunstwelt von der als zu offiziell betrachteten Skulptur ab und zahlreiche Werke „verschwinden“ für Jahrzehnte in den Depots. Nur einige wenige berühmte „moderne“ Künstler wie Rodin entgehen diesem allgemeinen Desinteresse.

Das große Hauptschiff© Musée d'Orsay
In den Jahren 1970 eröffnet der Beschluss, den Bahnhof von Orsay in ein Museum zu verwandeln, der Bildhauerkunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Perspektive. Die neue Einrichtung bietet dieser Kunst einen idealen Ort: Das große Hauptschiff, das durch das natürliche, ständig wechselnde Licht des Glasgewölbes erhellt wird. Die Öffentlichkeit hat Gelegenheit, die Vielfalt der Skulpturen dieser Epoche wiederzuentdecken. Bei der Eröffnung im Dezember 1986 umfasst das Musée d'Orsay ungefähr 1200 Skulpturen, die zum Großteil aus den ehemaligen Sammlungen des Musée du Luxembourg, des Musée du Louvre und Auslagerungen stammen.

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Die Anfänge: das Musée du Luxembourg

Das Musée du Luxembourg öffnet 1818 unter der Herrschaft Ludwigs XVIII. seine Tore, um die Kreationen lebender Künstler zu präsentieren, die zum Großteil vom Staat auf den Salons erworben wurden. Das Musée du Luxembourg fungiert als Museum für moderne Kunst, bleibt jedoch lange der avantgardistischen Malerei verschlossen und nimmt nur offiziell anerkannte Künstler auf.

Auguste Rodin
 (1840-1917)
 L'Age d'airain [Das eherne Zeitalter]
 Zwischen 1877 und 1880
 Bronzestatue
 H. 178; L.59; T. 61,5 cm
 Paris, Musée d'Orsay
Auguste RodinDas eherne Zeitalter© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Thierry Ollivier
Die Sammlungen umfassen im wesentlichen Gemälde, Skulpturen sind deutlich unterrepräsentiert. 1852 zählt der Bestand des Musée du Luxembourg nur 25 Skulpturen. 1875 gehen nach dem Tod von Barye, einem anerkannten Künstler und Mitglied der Akademie, ehemalige Abgussmodelle und Wachsentwürfe in das Museum ein. Dem schöpferischen Akt wird mehr Bedeutung beigemessen als dem Material: das ist ein völlig neues Verständnis der Skulpturenkunst.

1887 zählt das Musée du Luxembourg über hundert Skulpturen und öffnet sich auch für modernere Künstler. Der erste ist Rodin, dessen Ehernes Zeitalter 1881 angekauft wird. 1891 wird Ratapoil von Daumier erworben, obwohl die Kommission sich noch nicht schlüssig ist, ob diese „interessante Figur, deren Ästhetik jedoch in keiner Weise den Prinzipien des Musée du Luxembourg entspricht“ ausgestellt werden soll. 1905 kommt mit dem Kopf von Beethoven der erste Bourdelle hinzu.
Im Laufe der Jahre werden die Räumlichkeiten immer beschränkter, obwohl 1886 theoretisch festgelegt wurde, dass das Museum maximal drei Werke desselben Künstlers aufnehmen kann.

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Die Skulpturenkunst im Jeu de Paume

Viele Jahre lang werden ausländische Künstler im Musée du Luxembourg stark vernachlässigt. Noch heute fehlt es dem Musée d'Orsay an der nötigen Öffnung in dieser Beziehung.
Schon in den Jahren 1860 hatte sich Philippe de Chennevières, der damalige Konservator, vergeblich versucht, diese Situation zu ändern. 1879 bemerkt sein Nachfolger Etienne Arago, den Mangel an ausländischen Sammlungen, obwohl „die Ausstellung 1878 erstaunliche Werke gezeigt hatte“. Erst 1890 werden auf dem Salon de la Société nationale des Beaux-arts zwei Werke eines Ausländers, des Belgiers Constantin Meunier, erworben.

Edgar Degas 
 (1834-1917)
 Petite danseuse de 14 ans [Kleine vierzehnjährige Tänzerin]
 zwischen 1921 und 1931
 Modell zwischen 1865 und 1881
 Bronzestatue mit verschiedenfarbiger Patina, Tutu aus Tüll, rosa Satinband im Haar, Sockel aus Holz
 Paris, Musée d'Orsay
Edgar DegasKleine vierzehnjährige Tänzerin© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / DR
Bis 1923 sind die ausländischen Sammlungen so angewachsen, dass im Jeu de Paume der Tuileries ein dem Louvre angeschlossenes Musem für ausländische Schulen gegründet wurde. Diese Neueröffnung schafft zwar neue Räumlichkeiten für Gemälde und Skulpturen im Musée du Luxembourg, ist langfristig aber keine Lösung für die Platzprobleme. Das Museum für ausländische Schulen bleibt bis 1940 geöffnet.
1947 öffnet das Jeu de Paume wieder, diesmal allerdings als Museum für die Impressionisten. Die Bildhauerkunst spielt dort nur eine sehr untergeordnete Rolle. Es werden zwar zeitweise einige Werke von Rodin ausgestellt, doch nur die Kleine vierzehnjährige Tänzerin von Degas und Skulpturen von Gauguin bleiben langfristig dort, da man sie leicht mit den Gemälden der Künstler in Verbindung bringen kann.

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Das staatliche Museum für moderne Kusnt und die Skulpturenkunst

Aristide Maillol
 (1861-1944)
 Méditerranée dit aussi La Pensée [Mittelmeer oder Der Gedanke]
 Zwischen 1923 und 1927
 Marmor
 Paris, Musée d'Orsay
Aristide MaillolMittelmeer© ADAGP, Paris - RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
1939 wird das Musée du Luxembourg geschlossen. Ein Museum für moderne Kunst wurde vor kurzem im Palais de Tokyo, der 1937 für die Weltausstellung errichtet worden war, ins Leben gerufen. Das neue Museum behält allerdings nur ungefähr ein Drittel der Sammlungen des Musée du Luxembourg, vor allem die „modernsten“ Werke (Bourdelle, Bernard, Maillol...). In den Jahren 1950 werden viele davon an andere Orte verlegt: zahlreiche Bourdelle kommen nach Montauban, der Geburtsstadt des Künstlers, während 1964 mehrere bedeutende Werke von Maillol in den Gärten des Carroussel aufgestellt werden. Als das Museum für moderne Kunst 1977 in den Centre Pompidou übersiedelt, gehen die verbleibenden 175 Werke an den Louvre.

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Die Skulpturenkunst des 19. Jahrhunderts im Musée du Louvre

Aimé-Jules Dalou  
 (1838-1902) 
 Paysan retroussant ses manches 
 [Bauer, seine Ärmel hochkrempelnd]
 Um 1902
 Bronzeentwurf
 H. 14,5 ; B. 8,1 ; T. 6cm
 Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Frau David-Nillet als Erinnerung an ihren Gatten, 1933
Aimé-Jules Dalou Bauer, seine Ärmel hochkrempelnd© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Die herausragendsten Werken des Musée du Luxembourg erhielten Zutritt in das Musée du Louvre. 1880 wird Rude ein eigener Raum gewidmet und 1900 Carpeaux. Auch die Kunstsammler leisten ihren Beitrag. 1906 wird der Thomy-Thierry Saal eröffnet, 1910 die Sammlung Chauchard und 1913-1914 die beiden Zoubaloff Säle, die dem Künstler Barye gewidmet sind. Aus Platzmangel bleibt auch hier die Bildhauerkunst des 19. Jahrhunderts lange im Depot. In den 1960er Jahren stellt das Finanzministerium den Pavillon de Flore zur Verfügung, in dem bisher die Staatslotterie untergebracht war. Die Skulpturen können nun endlich in einem ihnen angepassten Ort ausgestellt werden, doch auch hier ist der Raum für die Werke der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr begrenzt. Neben Carpeaux sind einige Werke von Chapu (Bonnat, Die Jugend), Falguière (Tarcisius, Sieger im Hahnenkampf), Fremiet (Heiliger Georg), Dalou (Großer Bauer), Rodin (Ehernes Zeitaltern) und einige Entwürfe zu sehen.

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Ein Paradies für die Skulpturenkunst: das Musée d'Orsay

Ernest Barrias
 (1841-1905)
 La Nature se dévoilant devant la Science [Die Natur enthüllt sich vor der Wissenschaft]
 1899
 Marmor und polychromer Onyx aus Algerien, Sockel aus grauem Granit, Skarabäus aus Malachit, Band aus Lapislazuli
 H. 200; B. 85; T. 55 cm
 Paris, Musée d'Orsay
Ernest BarriasDie Natur enthüllt sich vor der Wissenschaft© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / René-Gabriel Ojéda
In den 1970er Jahren wird die Idee geboren, den Bahnhof von Orsay in ein Museum umzugestalten. Auf Grund Platzmangels im Jeu de Paume braucht man einen neuen Ort für die impressionistischen Sammlungen und das im Centre Pompidou neu gegründete Museum für moderne Kunst hat vor, die ältesten Werke einem anderen Standort zu übertragen.
Die Skulpturen werden unter dem Gewölbe von Laloux untergebracht. Das Musée d'Orsay tauscht Werke ein, die in anderen Museen (Der Gedanke oder Das Höllentor aus dem Musée Rodin) oder Einrichtungen (Die Natur enthüllt sich vor der Wissenschaft von Barrias, das eine Treppe im Conservatoire des arts et métiers schmückte) ausgestellt waren.

Werke, die vom Publikum am wenigsten wahrgenommen wurden, sind oftmals einfacher zu erhalten: der Goethe von David d'Angers befand sich auf der Spitze eines Turms der Stadt Saumur; Die Gladiatoren, von Gérôme im Fort des Berges Valérien; die Junge Tarantinerin von Schoenewerk war in den ehemaligen Schlossküchen von Compiègne vergessen worden. Das berühmteste Beispiel sind die jedoch die Sechs Kontinente, die heute den Platz des Museums schmücken. Die Skulpturen waren für den Palais du Trocadéro der Weltausstellung 1878 geschaffen worden und lagen seit 1963 auf einer Mülldeponie der Stadt Nantes.

Camille Claudel 
 (1864-1943)
 L'Age mûr [Das reife Alter]
 Vers 1902
 Bronzegruppe in drei Teilen 
 H. 114; B. 163; T. 72 cm
 Paris, Musée d'Orsay
Camille Claudel Das reife Alter© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Thierry Ollivier
Das Musée d'Orsay erhielt sie im Austausch gegen ein Gemälde von Sisley für das Museum der Schönen Künste von Nantes.
Außergewöhnliche Ankäufe ergänzten die Sammlungen: eine der Tafeln Seid geheimnisvoll von Gauguin (Erwerb 1979), das Ensemble Die Berühmtheiten der „Juste Milieu“ von Daumier (Erwerb 1980), Das reife Alter von Claudel (Erwerb 1982)…
Dank der Großzügigkeit von Kunstliebhabern, Nachkommen der Künstler und des Fördervereins Freunde des Musée d'Orsay gingen in den Jahren vor seiner Eröffnung mehr als 200 Werke in die Sammlungen des Musée d'Orsay ein.
Medardo Rosso
 (1858-1928)
 Ateas aurea dit L'Age d'or 
 [Ateas aurea genannt Goldenes Zeitalter]
 1886
 Bronzerelief
 H. 50; B. 37,8; T. 26,5 cm
 Paris, Musée d'Orsay
Medardo RossoAteas aurea © DR - RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Jean-Gilles Berizzi
Seit 1986 füllten Ankäufe, private Schenkungen, Abgeltungen von Erbschaftssteuer so manche Lücke, insbesondere im Bereich der ausländischen Bildhauerkunst (Aetas aurea von Medardo Rosso 1988, Kassandra, Cassandre von Max Klinger 1990…) und ermöglichten den Erwerb bedeutender Werke (Clotho von Camille Claudel 1988...). Heute umfasst die Skulpturensammlung einschließlich der Auslagerungen in anderen Einrichtungen über 2200 Stücke. Die Lebendigkeit der Sammlungen wird dem Wunsch gerecht, die Skulpturenkunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ihrer ganzen Pracht kennenzulernen und zu bewundern.

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