


Das 19. Jahrhundert erweist sich als ganz besonders produktiv für die Bildhauerei: die triumphierende Bourgeoisie und die politische Macht ergreifen Besitz von dieser Kunst, erstere zur Ausschmückung ihrer Wohnsitze und um ihre soziale Stellung zur Schau zu stellen, letztere damit die Ideale und Überzeugungen der Epoche in die Ewigkeit eingehen. Die Nachfrage für diese Kunst ist folglich gewaltig, hängt jedoch auf Grund ihrer Kosten fast ausschließlich von öffentlichen Aufträgen ab. Nach 1945 wendet sich die Kunstwelt von der als zu offiziell betrachteten Skulptur ab und zahlreiche Werke „verschwinden“ für Jahrzehnte in den Depots. Nur einige wenige berühmte „moderne“ Künstler wie Rodin entgehen diesem allgemeinen Desinteresse.
In den Jahren 1970 eröffnet der Beschluss, den Bahnhof von Orsay in ein Museum zu verwandeln, der Bildhauerkunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine neue Perspektive. Die neue Einrichtung bietet dieser Kunst einen idealen Ort: Das große Hauptschiff, das durch das natürliche, ständig wechselnde Licht des Glasgewölbes erhellt wird. Die Öffentlichkeit hat Gelegenheit, die Vielfalt der Skulpturen dieser Epoche wiederzuentdecken. Bei der Eröffnung im Dezember 1986 umfasst das Musée d'Orsay ungefähr 1200 Skulpturen, die zum Großteil aus den ehemaligen Sammlungen des Musée du Luxembourg, des Musée du Louvre und Auslagerungen stammen.Das Musée du Luxembourg öffnet 1818 unter der Herrschaft Ludwigs XVIII. seine Tore, um die Kreationen lebender Künstler zu präsentieren, die zum Großteil vom Staat auf den Salons erworben wurden. Das Musée du Luxembourg fungiert als Museum für moderne Kunst, bleibt jedoch lange der avantgardistischen Malerei verschlossen und nimmt nur offiziell anerkannte Künstler auf.
1887 zählt das Musée du Luxembourg über hundert Skulpturen und öffnet sich auch für modernere Künstler. Der erste ist Rodin, dessen Ehernes Zeitalter 1881 angekauft wird. 1891 wird Ratapoil von Daumier erworben, obwohl die Kommission sich noch nicht schlüssig ist, ob diese „interessante Figur, deren Ästhetik jedoch in keiner Weise den Prinzipien des Musée du Luxembourg entspricht“ ausgestellt werden soll. 1905 kommt mit dem Kopf von Beethoven der erste Bourdelle hinzu.
Im Laufe der Jahre werden die Räumlichkeiten immer beschränkter, obwohl 1886 theoretisch festgelegt wurde, dass das Museum maximal drei Werke desselben Künstlers aufnehmen kann.
Viele Jahre lang werden ausländische Künstler im Musée du Luxembourg stark vernachlässigt. Noch heute fehlt es dem Musée d'Orsay an der nötigen Öffnung in dieser Beziehung.
Schon in den Jahren 1860 hatte sich Philippe de Chennevières, der damalige Konservator, vergeblich versucht, diese Situation zu ändern. 1879 bemerkt sein Nachfolger Etienne Arago, den Mangel an ausländischen Sammlungen, obwohl „die Ausstellung 1878 erstaunliche Werke gezeigt hatte“. Erst 1890 werden auf dem Salon de la Société nationale des Beaux-arts zwei Werke eines Ausländers, des Belgiers Constantin Meunier, erworben.
Werke, die vom Publikum am wenigsten wahrgenommen wurden, sind oftmals einfacher zu erhalten: der Goethe von David d'Angers befand sich auf der Spitze eines Turms der Stadt Saumur; Die Gladiatoren, von Gérôme im Fort des Berges Valérien; die Junge Tarantinerin von Schoenewerk war in den ehemaligen Schlossküchen von Compiègne vergessen worden. Das berühmteste Beispiel sind die jedoch die Sechs Kontinente, die heute den Platz des Museums schmücken. Die Skulpturen waren für den Palais du Trocadéro der Weltausstellung 1878 geschaffen worden und lagen seit 1963 auf einer Mülldeponie der Stadt Nantes.