François-Rupert Carabin
Nackte Frau, stehend, Vorderansicht

Nackte Frau, stehend, Vorderansicht
François-Rupert Carabin (1862-1932)
Nackte Frau, stehend, Vorderansicht
Zwischen 1895 und 1910
Albuminabzug auf Papier von Glasnegativ nach dem Silberbromid-Gelatine-Verfahren
H. 17,5; B. 12 cm
© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / DR

Femme nue debout de face [Nackte Frau, stehend, Vorderansicht]


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwenden Künstler häufig die Fotografie an Stelle eines lebenden Modells. Dies trifft jedoch für die Bildhauerkunst nur selten zu, da es vermutlich schwierig war, ein zweidimensionales Bild in eine Rundplastik umzusetzen.
Carabin bildet hier eine Ausnahme. Zwischen 1890 und 1914 nimmt er über 600 Fotos auf. Es handelt sich im wesentlichen um weibliche Akte in verschiedenen Haltungen und Stellungen, die er für seine Bildhauerei verwendet. Die Haltungen unterscheiden sich grundlegend von den üblichen Fotografien für Künstler. Heute versetzt uns insbesondere die naturgetreue, direkte Darstellung in Erstaunen. Die Unschärfe mancher Aufnahmen zeigt zwar Ähnlichkeit mit der Technik der Pikturalisten, doch die meisten Bilder zeichnen sich durch helle Beleuchtung und eindeutige Haltungen aus, die jeglicher Idealisierung oder jeglichen Ästhetizismus entbehren. Sie nehmen jahrelange Recherchen, die die Fotografen in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen zur Darstellung des Körpers durchführten, vorweg.

Die Geschichte des eindrucksvollen Werkensembles, aus dem dieses Bild stammt, ist verwunderlich. Die Tochter von Carabin übergab es 1955 Le Corbusier, der den Bildhauer 1915 kennengelernt hatte. Der Architekt bewahrte es bis zu seinem Tod auf. Er fertigte sogar Zeichnungen nach einigen Fotografien an. Die Aufnahmen von Carabin sind ein beredtes Zeugnis für die erstaunliche Verbindung zwischen Fotografie und Bildhauerkunst im 19. Jahrhundert.




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