Anonyme
Obsession 1

Obsession 1
Anonym
Obsession 1
Um 1870
Photocollage: vier Abzüge und dazugehörige Elemente
H. 17,8; B. 22 cm
© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay), Hervé Lewandowski

Obsession 1


Schon gleich in der Anfangszeit der Photografie auf Papier tauchen die ersten Bildverfremdungen auf. Schon Ende 1850 sind Fotocollagen weit verbreitet. Insbesondere in angelsächsischen Kreisen widmet man sich dieser Tätigkeit gern für die Zusammenstellung von Familienalben.

Diese Fotocollage zeichnet sich durch das brutale Motiv und den schonungslosen Aufbau. Es gehörte ursprünglich zu einem fünfzig Seiten umfassenden Album, das heute nicht mehr vollständig erhalten ist, von dem das Musée d'Orsay jedoch sechs Platten besitzt.
Hier wird in sado-masochistischer Manier eine Hinrichtungsszene wiedergegeben. Der Autor inspirierte sich vielleicht an Gemälden, die Martyrien oder Hinrichtungen darstellen. Doch auch das Theater scheint ihm als Inspirationsquelle gedient zu haben: der Aufbau, die Anordnung und die Haltung der Modelle verweisen auf das Theater. Auch an Humor fehlt es dem Bild nicht: durch die verschiedenen Stellungen ein und derselben Figur – von hinten, von vorn, nackt, bekleidet – und durch die fast vollkommene Unbeteiligkeit der Figuren entsteht ein regelrechtes Tableau vivant.
Es ist ganz offensichtlich, welches Gemälde dem Autor als Vorbild für seine Collage diente. Der Richtblock, der auf mehreren Fotografien des Albums zu sehen ist, entspricht dem, den von Paul Delaroches Die Hinrichtung von Lady Jane Grey. Das Werk fand mittels der Druckgrafik und der Fotografie große Verbreitung und es ist folglich möglich, dass der Autor das Objekt aus einem dieser Bild ausgeschnitten hat.

Über den Ursprung des Werks gibt es nur wenig Informationen. Ist der Autor selbst das männliche Modell, das bald Scharfrichter, bald Märtyrer ist? Handelt es sich bei der knieenden Frau um ein professionelles Modell? Doch ihre desillusionierter, verdrossener Gesichtsausdruck lassen auch darauf schließen, dass sie vielleicht gefügig den merkwürdigen Bitten eines Familienmitglieds Folge leistet. Viele Fragen bleiben unbeantwortet.
Wie dem auch sei, das Bild ist von größter Seltenheit und es besticht durch sein Thema, durch die Verbindung zur Malerei und zum Theater, die Verfremdung von Kunstwerken und klassischen Stellungen. Es bringt die Kreativität seines Autors zur Geltung und veranschaulicht die Vielseitigkeit der Fotografie abseits der kommerziellen und offiziellen Kreise in der Mitte des 19. Jahrhunderts.




Zeichensatz vergrössern Den Zeichensatz verkleinern Einem Freund schicken Drucken
Facebook
Google+DailymotionYouTubeTwitter