Edgar Degas
Madame Jeantaud vor dem Spiegel

Madame Jeantaud vor dem Spiegel
Edgar Degas (1834-1917)
Madame Jeantaud vor dem Spiegel
Um 1875
Öl auf Leinwand
H. 70; B. 84 cm
© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski

Madame Jeantaud au miroir [Madame Jeantaud vor dem Spiegel]


1875 realisierte Degas das Bildnis von Berthe-Marie Bachoux, der Frau von Jean-Baptiste Jeantaud, dem Kampfgefährten des Malers während des Krieges von 1870. Sie vermachte dem Musée d’Orsay 1929 ein weiteres Bild von Degas: Jeantaud, Linet, Lainé (1871), auf dem ihr Gatte in Begleitung von zwei Freunden zu sehen ist.

Während die ungezwungene, realistische Darstellungsweise die Porträtmalerei der Jahre 1870 charakterisiert, ist der Aufbau völlig ungewöhnlich. Das Modell wird in Dreiviertel-Ansicht in verlorenem Profil präsentiert und scheint vor dem Ausgehen einen Blick in den Spiegel zu werfen. Das Spiegelbild scheint den Betrachter regelrecht anzusehen. Er steht über den Spiegel im Zentrum eines komplexen Blickspiels zwischen Berthe-Marie und dem Betrachter. Jener symbolisiert das Virtuelle und die Illusion, er bricht mit der traditionellen Tiefenperspektive. Der Maler hat das Spiegelbild, das aufgrund seiner Dynamik eine zentrale Stellung einnimmt, nur flüchtig in Schwarz skizziert, die Ausführung des Modells selbst dagegen zeugt von größter Sorgfalt.

Während traditionelle Akademiemaler versuchen, möglichst genau die Kleider der Modelle wiederzugeben, wie beispielsweise der offizielle Maler Henner bei seinem Porträt von Madame Jeantaud, wirkt Degas’ Bildnis sehr originell und lebendig. Das Gemälde steht am Schnittpunkt zwischen der realistischen Malerei, die die Wirklichkeit wiedergeben will und der synthetischen Malerei, die eine andere Realität vermitteln will. Es ist Degas’ erster Versuch, mehrere Aspekte desselben Objektes darzustellen, ein Ansatz, der die kubistischen Porträts von Braque und Picasso ankündigt.




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