Jan Toorop
Die Sehnsucht und die Erfüllung

Die Sehnsucht und die Erfüllung
Jan Toorop (1858-1928)
Die Sehnsucht und die Erfüllung
1893
Pastellbild auf zwei beigen auf Karton geklebten Blättern
H. 76; B. 90 cm
© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski

Le Désir et l'Assouvissement [Die Sehnsucht und die Erfüllung]


Der 1858 in Java geborene Jan Toorop – zu dem Zeitpunkt noch niederländische Kolonie - kam sehr früh nach Europa und besuchte ab 1881 die Amsterdamer Kunstakademie, bevor er in Brüssel, Paris und London studierte. Offen für die verschiedenen ästhetischen Strömungen, die zu diesem Zeitpunkt Europa prägten, tauschte er bald den Naturalismus gegen den Neoimpressionismus ein, bevor er sich für kurze Zeit dem Symbolismus zuwandte.
1893, das Jahr, in dem dieses erstaunliche Pastellbild entstand, das als Ausgangsarbeit für die Realisierung eines Glasfensters ausgeführt wurde, markiert den Höhepunkt seines symbolistischen Beitrags.

Die Ikonografie, die sich ursprünglich auch auf den Rahmen ausdehnte, ist äußerst komplex: Das weibliche, von vorn dargestellte Gesicht mit weit geöffneten Augen steht für die Sehnsucht, die darum bittet und fleht, dass die noch geschlossene Lilie den weißen Tau des Regens empfangen kann, der von den Wolken über ihr niedergeht.
Das andere Gesicht, im Profil und mit halb geschlossenen Augen, hinter dem Kreuz, das man von hinten erblickt und auf dem man nur einen Teil der Dornenkrone Christi erkennen kann, ist das der Erfüllung. Die Figur hält in ihrer Hand eine halbgeöffnete Lilie, die schon von dem spirituellen Tau befruchtet ist und ihren Duft verbreitet. Die lineare Umgebung ist durch eine Reihe von Parallellinien gegeben, die die Komposition durchlaufen; sie kommen aus der Glocke rechts und sind die Klänge, welche die Welt durchziehen, den Glauben festigen und laut Toroop an „die reinen und mystischen Perioden der damaligen Zeit“ erinnern.

1911 schenkte der Künstler dieses Echo eines komplexen und zeitkritischen Mystizismus dem gläubigen Dichter und Maler Maurice Denis, der ihm als Gegenzug die Mutterschaft schenkte, ein Bild, das heute zu der Sammlung des Musée Kröller-Müller d'Otterlo in den Niederlanden gehört.




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