Fernand Khnopff
Zukunft

Zukunft oder Eine Junge Engländerin
Fernand Khnopff (1858-1921)
Zukunft oder Eine Junge Engländerin
1898
Marmorbüste mit Farbhöhungen, Krone aus Messingfolie auf Kupferdraht
H. 45,5; B. 28; T. 20 cm
© photo musée d'Orsay / RMN

Futur ou Une jeune femme anglaise [Zukunft oder Eine Junge Engländerin]


1898 ist der belgische Symbolist Fernand Khnopff einer der Ehrengäste der ersten Wiener Secession. Sein Beitrag besteht aus sechzehn Gemälden und vier Skulpturen, darunter diese Junge Engländerin, die der Kritiker Ludwig Hevesi folgendermaßen schildert: „die vollkommene Frau aus weißem Marmor –mit zusammengekniffenen Lippen- [...] außergewöhnlich zarte Farbhöhungen. [...] Die abfallende Form steht in Einklang mit der Farbe. Es geht Sinnlichkeit von ihr aus, eine vampirisch anmutende Sinnlichkeit“.
Wie bei manchen Märtyrern ist der Schädel der Statue an der Stirn durchgeschnitten. Konnten die Besucher der Ausstellung von 1898 dieses Detail erkennen? Hevesi spricht von einem Schal mit kleinen blauen Sternen. Auf manchen Aufnahmen ist der Marmor mit einer Blätterkrone versehen, auf der ältesten Fotografie jedoch trägt die Junge Engländerin weder Schal noch Krone. Heute schmückt ein Lorbeerkranz die Stirn.
Khnopff hat der Büste zwar die Züge seiner Schwester Marguerite, der er sehr nahe stand, verliehen, doch die Statue weist auch die wasserblauen Augen des Künstlers auf. Es ist Ausdruck eines Mythos, der die Symbolisten begeisterte: das „archaische androgyne Ideal“, das Platon in seinem Symposion beschreibt, ein Zwitterwesen, das Zeus im Zorn entzweischneidet. Das Verlangen nach Liebe und Verschmelzung soll auf diese Verstümmelung zurückzuführen sein. Vielleicht verleiht Khnopff unter dem irreführenden Titel Eine junge Engländerin seinem Traum Ausdruck, mit sich mit seiner geliebten Schwester Marguerite zu vereinigen.




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