Marie Bashkirtseff
Das Treffen

Das Treffen
Marie Bashkirtseff (1860-1884)
Das Treffen
1884
Öl auf Leinwand
H. 193; B. 177 cm
© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Jean Schormans

Un meeting [Das Treffen]


Als Das Treffen 1884 auf dem Salon präsentiert wird, sind sowohl das Publikum als auch die Presse des Lobes voll. Doch dieser Erfolg genügt Marie Bashkirtseff nicht, sie ist verärgert darüber, keine Medaille erhalten zu haben. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „ich bin empört [...]. Denn es wurden relativ schlechte Stücke ausgezeichnet” oder „Es bleibt nichts mehr für mich übrig. Ich bin ein unvollständiges, erniedrigtes Wesen, ich bin am Ende”. Sie ist sich ihrer Begabung sicher und schreibt über die ihrer Ansicht nach ungerechte Beurteilung, doch sie drückt auch ihre Angst aus: die Angst, in Vergessenheit zu geraten. Marie ist damals erst fünfundzwanzig Jahre alt und weiß schon, dass sie unheilbar an Tuberkulose erkrankt ist – sie stirbt am 31. Oktober desselben Jahres -. „Eine große Künstlerin bleiben”, dies war das Hauptanliegen der jungen Frau in einer Epoche, als Frauen an der Ecole des Beaux-arts noch nicht zugelassen wurden.

Marie Bashkirtseffs Werk weist den Einfluss des von ihr bewunderten Naturalisten Bastien-Lepage (1848-1884) auf. Wie ihr Zeitgenosse Fernand Pelez (1848-1913) versetzt sie die Themen ihres Vorbilds in eine urbane Landschaft. Sie berücksichtigt alle Kriterien, die eine Genreszene ausmachen. Sechs Jungen, deren Gesichtsausdruck und Gesten genau auszumachen sind, scharen sich um ein nicht zu identifizierendes Objekt, das zweifellos Gegenstand ihres Treffens ist. Aus ihren abgenutzten Kleidern ist zu schließen, dass es Arbeiterkinder sind. Der Holzzaun, die Graffiti und zerrissenen Anschläge verstärken diesen Eindruck. Anhand der Kittel erkennen wir, dass es sich um Schuljungen handelt; wir sind Anfang der 1880er Jahre und Jules Ferry hatte vor kurzem die obligatorische, laizistische, unentgeltliche Schulbildung eingeführt.
Die Künstlerin nimmt keinerlei soziale Dimension in ihr Werk auf. Die Aristokratin russischer Herkunft schildert die Kinder aus einer gewissen Entfernung und sie übernimmt den für die Bourgeoisie charakteristischen Stereotyp.
Der Werktitel und die Gegenwart des kleinen Mädchens am rechten Bildrand werfen hingegen Fragen auf. Marie Bashkirtseff, eine engagierte Feministin, prangert hier vielleicht die frauenfeindliche Gesellschaft an: Die Männer haben das Sagen und die Frauen werden vom Geschehen fern gehalten.


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