Männlich/Männlich. Nackte Männer von 1800 bis heute.

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Masculin / Masculin

Jacques Louis DavidMännlicher Akt, genannt Patroklos© Cherbourg, musée Thomas-Henry

Warum war die Schau Nackte Männer, die letztes Jahr im Wiener Leopold Museum gezeigt wurde, die erste Ausstellung, die dem männlichen Akt gewidmet war? Als Antwort auf diese Frage werden im Rahmen dieser Veranstaltung Werke aus allen Epochen und verschiedenster Techniken einander gegenübergestellt. Im Zentrum stehen die wesentlichen Themen, die die Darstellung des männlichen Aktes über zwei Jahrhunderte lang prägten.
Nacktheit und Akt sind nicht das gleiche: Ein einfacher, unbekleideter Körper, der Unbehagen hervorruft, weil er jeglichen Schamgefühls entbehrt, unterscheidet sich von der Darstellung eines vom Künstler neu geschaffenen, idealisierten Körpers. Diese Unterscheidung charakterisiert die positive und komplexfreie Bedeutung des abendländischen Aktes seit der klassischen Periode.

Emile-Edmond PeynotTorso des Belvédère© Beaux-Arts de Paris, Dist. RMN-Grand Palais / image Beaux-arts de Paris
In der heutigen Zeit wird der Akt fast immer mit dem weiblichen Körper gleichgesetzt, was auf das Erbe des 19. Jahrhunderts zurückzuführen ist, wo er zum Objekt männlichen Begehrens erhoben wurde. Früher wurde dem weiblichen Körper jedoch eine geringere Wertschätzung als dem kräftigeren, muskulösen männlichen Pendant zuteil. Spätestens ab der Renaissance hatte der männliche Akt eine Vorrangstellung eingenommen: Der Mensch als universelles Wesen verschmolz mit dem Bilde des Mannes und sein Körper wurde zur Norm des Menschengeschlechts erhoben, was schon in der griechisch-römischen Kunst der Fall war. Der christlich-jüdische Hintergrund des Abendlands ist ein beredtes Zeugnis dafür: Adam existierte vor Eva, sie ist seine Kopie und ist für den Sündenfall verantwortlich.
Die Mehrheit der Künstler sieht in dem männlichen Akt ein „Idealbild”, einen verherrlichenden, narzisstischen Spiegel ihrer selbst. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts tritt das Geschlechtsorgan jedoch schamhaft in den Hintergrund oder wird unter geschickt platzierten Draperien, einem Riemen oder einer Schwertscheide verhüllt.

Das klassische Ideal

Jean-Baptiste Frédéric DesmaraisDer Hirte Paris© Photo © MBAC

Ab dem 17. Jahrhundert werden zur Ausbildung besonders begabter Künstler Akademien gegründet. Im Bereich der Skulpturenkunst und der Historienmalerei liegt der Schwerpunkt auf der Darstellung eines männlichen Aktes. Er spielt im künstlerischen Schöpfungsprozess eine wichtige Rolle, da die Aktstudie dem Zweck dient, den menschlichen Körper genau wiederzugeben, unabhängig davon, ob er auf der endgültigen Komposition bekleidet dargestellt wird oder nicht.

In Frankreich arbeiten die Schüler an der Académie royale und später an der Académie des Beaux-arts anhand von Zeichnungen und Stichen, später anhand von Plastiken und lebenden Modellen. Bis ins späte 20. Jahrhundert handelt es sich bei den Modellen ausschließlich um Männer, denn der Mann wird als Archetyp des menschlichen Kanons betrachtet. Um der künstlerischen Darstellung würdig zu sein, muss sich der Körper des Erwählten von dem eines alltäglichen Mannes unterscheiden. Der Künstler schwächt die individuellen Merkmale des Modells ab, um sein Sujet zu überhöhen.

Den Künstlern der Antike und der Renaissance ist mehr als allen anderen eine ideale Synthese des menschlichen Körpers gelungen, ohne sich in den Mäandern der Individualität zu verlieren. Winckelmann, der Begründer der Ästhetik in Deutschland im 18. Jahrhundert, war der Auffassung, die ideale Schönheit der griechischen Statue könne sich nur im männlichen Akt entfalten. Die „edle Einfalt und stille Größe” von Winckelmanns Göttern inspiriert zahlreiche Künstler, andere jedoch brechen mit dieser Interpretation der antiken Kunst: Die Qual des Laokoons der Spätantike ist bei dem Dänen Abildgaard zu erkennen, während David eine eher römisch anmutende Virilität bevorzugt.
Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts bricht zwar mit dem klassischen männlichen Akt, doch trotz ihrer Neuerungen fasziniert er die Künstler noch bis in die Jahre zwischen den Weltkriegen und teilweise sogar noch heute.

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