Félix Thiollier (1842-1914), Fotografien

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Vertraute Regionen

Félix Thiollier Landschaft, La Sauvetat© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Seine Landschaften zeichnen sich indes nicht nur durch Effekte aus, auch Thiolliers Vorliebe für einsame Spaziergänge spiegelt sich in den ländlichen Szenen seiner Heimatregion wider. Sein traditionell geprägter pittoresker Ansatz, der bis in die 1880er Jahre vorherrschte, wurde durch die Romantik beeinflusst.
Die Umgebung wurde wie ein Schauspiel aus der subjektiven Perspektive des ersten Zuschauers dargestellt. Aus dieser Perspektive fotografiert Thiollier auch weiterhin, denn mehr noch als das Selbstbildnis gibt sie ihm die Möglichkeit, seine Person in die Landschaft, und somit in sein Werk einzubeziehen.

Félix ThiollierSee in Mornand, Forez (Loire)© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Es fehlt zwar noch immer jegliche menschliche Gegenwart in seiner Natur, doch dadurch kommt die Gegenwart des Fotografs nur deutlicher zum Ausdruck, denn die Orte, die er wählt, entsprechen in keinster Weise dem ästhetischen Kanon.

Aufgrund der zunehmenden Geschwindigkeit des fotografischen Verfahrens dank der Sofortbildkamera gibt der Fotograf den Standort auf, auf den er sich in der traditionellen Bildtradition beschränkte, nämlich diesseits des Alberti Fensters: seine Bilder sind die eines Spaziergängers in der Landschaft, der mitten auf einem Weg oder in einem Winkel seines Gartens innehält, um seine Gefühlsregung zu verewigen.

Der pittoreske Aspekt: die Fotogenität der schwarzen Stadt

Félix Thiollier Die Kokerei Verpilleux, Umgebung von Saint-Etienne© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Vierzig Jahre nachdem er sich für die Fotografie entschieden hatte und auf eine Karriere als Industrieller verzichtet hatte, begeistert sich der Fotograf für Saint-Etienne, „die lebendige, betriebsame Stadt (…), der die hier ansässigen Industrien einen ganz besonders pittoresken Charakter verleihen”: man befreit sich nicht so ohne Weiteres von den Regeln der ästhetischen Beurteilung, die im Grunde dazu beitragen, dass wir die Welt wieder-erkennen.

Die Bergwerke und Fabriken der Wiege der ersten französischen industriellen Revolution werden mehr als jeder andere Ort seinen Interessen gerecht: das Studium der atmosphärischen Phänomene, die vom Menschen geschaffene Bau- oder Gesteinslandschaft, und die Beziehung des Menschen zu Letzterer. Es scheint als seien die anonymen Silhouetten der Arbeiter gerade rechtzeitig gekommen, um dem „Eindruck (…) einer Art verborgenen Dramas” Nahrung zu geben, das ganz besonders den Einfluss Raviers und seinen nie versiegenden Drang nach Pittoreske erkennen lässt. Wie hätten auch die kleinen Leute der schwarzen Stadt dem Objektiv des Bürgers, der Thiollier gegen seinen Willen geblieben war, den exotischen Reiz ihrer Armut vorenthalten können?

Félix Thiollier ZechenlandschaftZechenlandschaft, Saint-Etienne© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Wenn die Fotografie allmählich für Thiollier mehr bedeutete als nur ein Mittel, die natürlichen und archäologischen Schätze der Gegend zur Geltung zu bringen, dann deswegen, weil der Industrielle, der sich zumgentleman farmer entwickelt hatte, ahnte, dass die „Kunst an der Maschine” (Delacroix) durch Bilder die Spannung auflösen könnte, die zwischen den beiden Welten, denen er angehörte, nämlich der ländlichen, traditionellen einerseits und der industriellen, zeitgenössischen andererseits, bestand.
Die Verbindung des Pittoresken mit der Fotografie war besiegelt und sie konnte nicht abgebrochen werden, solange seine Arbeit als Herausgeber des Forez pittoresque nicht vollendet war: nämlich die ästhetische Aneignung des mentalen, identitätsstiftenden Territoriums, das in seinen Augen die Gegend des Forez darstellt und mit der er sich in dem „industriellen Bild” aussöhnt. Die Wahl des Mediums, dem Thiollier offiziell jeglichen Anspruch auf künstlerische Legitimität abspricht, wird indes nicht ohne Folgen bleiben.

Félix ThiollierGarten, Verrières© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Da seine Kreationen zunehmend vom Auge und nicht von der Hand beherrscht werden, wird sein Blick freier und seine Bilder erstrahlen bald in den kühnen Farben des Autochroms: zehn Jahre bevor Industriestandorte zu den auserwählten Motiven der Fotografen der Moderne gehören, verherrlichen seine letzten Fotografien jene Orte, die jegliches Interesse entbehren: Schrottplätze, Brachland, Steinbrüche oder Ruinen des zeitgenössischen Forez, die sich seinem melancholischen, befreiten Blick offenbaren.

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