Musée d'Orsay: Neuzugänge

Neuzugänge

Emile Gallé, "Dragon héraldique"

Emile GalléDragon héraldique© Artcurial / Stéphane Briolant
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Bedeutende Zugänge im Musée d'Orsay 2018

Pierre-Auguste Renoir und Richard Guino, "Venus Victrix"

Pierre Auguste Renoir et Richard GuinoVenus Victrix© ADAGP - Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Zwischen 1913 und 1918 lässt sich der alternde Renoir, dessen Hände von Arthritis verformt sind, von seinem Kunsthändler Ambroise Vollard dazu überreden, "einem jungen talentierten Bildhauer einige Ratschläge zu geben, der etwas nach seinen Malereien ausführen soll". Die Wahl fällt auf Richard Guino, einen 23 Jahre alten katalanischen Künstler, der in Paris lebt.
Offensichtlich aus geschäftlichen Beweggründen versucht Vollard, die Rolle von Guino herabzuspielen. Allerdings erkennt ihn ein Urteil vom 1971 als Miturheber der Werke an, da er über die einfache Aktivität als Praktiker hinaus regelmäßig auch selbstständig arbeitete.

Bei der Kreation des ersten Werks im Rahmen dieser Zusammenarbeit - das kleine Modell Venus Victrix - scheint Guino allerdings unter dem aufmerksamen Auge des Meisters gearbeitet zu haben, der sogar selbst den Kopf der Vorbereitungsskizze ausgebessert haben soll.
Das Malsujet bezieht sich auf das Gemälde Jugement de Pâris [Das Urteil des Paris], von dem Renoir gerade die zweite Version vollendet hatte (Hiroshima Museum of Art). Die Skulptur von Renoir/Guino lässt sich allerdings nicht auf eine einfache Umsetzung: des Gemäldes in die Bildhauereikunst reduzieren. Die Göttin hält bereits den Apfel, den sie Paris geben wird, in einer Hand, von der anderen Hand gleitet ein Faltenwurf, der auf dem Gemälde nicht zu sehen ist.
Zudem setzt die dreidimensionale Umsetzung bereits in der kleinen Version bestimmte Änderungen voraus. Renoir "gestaltet Bauch und Hüften massiver, hebt die Brüste an und erhält somit eine kleine untersetzte Frauenfigur, massiv und rund, eine kleine animalische Frau mit einem außerordentlich langen Torso" (Paul Haesaerts)

Für die große Version gab Renoir dann dem Bildhauer anhand von Zeichnungen neue Änderungen an, insbesondere in Bezug auf die Proportionen, den Gesichtsausdruck und die Bewegung des Faltenwurfs.
Durch die Monumentalisierung der Skulptur misst sich Renoir bewusst mit den großen Venusfiguren in der griechisch-römischen Kunst. Aber obwohl ihm diese Modelle als Maßstab für dieses emblematische Werk der klassischen "Rückkehr zur Ordnung" dienen, die das künstlerische Schaffen von Renoir gegen Lebensende prägt, so übernimmt letzteres nicht die anatomische Perfektion der Antike.

Er inspiriert sich ebenfalls an den Künstlern seiner Zeit: ersichtlich an der ruhigen, verankerten Haltung und der großzügigen Bearbeitung der Volumen. Die Venus Victrix erinnert eindeutig an Pomona (1910) oder Der Sommer (1911) von Maillol.

Zwei Vasen von Emile Gallé

Emile GalléFlakon-Vase© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Dank der Schenkung von Alain Pierre Bourgogne, dem Urenkel von Emile Gallé, konnten die Sammlungen des Musée d'Orsay durch zwei neue Vasen des Künstlers aus Lothringen ergänzt werden.
Jede Vase ist ein emblematisches Beispiel für die überaus kunstvolle Glasverarbeitung von Gallé.

Die erste Flakon-Vase ist mit Weintrauben verziert und weist eine starke Ähnlichkeit zueinem Ausstellungsstück auf, das im Suntory Museum von Tokio aufbewahrt wird. Sie erinnert ebenfalls an Geheimnisvolle Trauben, eine andere Flakon-Vase, die dem Musée d'Orsay im Jahr 2000 von den Nachkommen des Künstlers geschenkt wurde.
Man kann davon ausgehen, dass Geheimnisvolle Trauben, das 1892 für den Grafen Robert de Montesquiou nach einem seiner Gedichte geschaffen wurde, Gallé dazu inspiriert hat, weitere Exemplare dieser - innerhalb seines Werks relativ seltenen - Kunstform anzufertigen, die vermutlich von den traditionellen chinesischen Steinfläschchen beeinflusst wurde.

Emile GalléRollenförmige Vase mit Meeresdekor© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Durch gemeinsame Präsentation dieser beiden Objekte in unseren Sammlungen kann eines der Merkmale des kreativen Ansatzes von Gallé besser beleuchtet werden: die Anfertigung subtiler Variationen verschiedener Objekte für künstlerische Produktionen, bei denen es sich sowohl um Serienfertigungen als auch einzigartige Kunstwerke handelt.

Die zweite Vase ist mit einer Meereslandschaft verziert. Obwohl es sich um kein neues Thema innerhalb des künstlerischen Schaffens von Gallé handelt, so konzentriert er sich in seinen letzten Lebensjahren ganz besonders darauf, zu einer Zeit, als die Meeresgründe, ihre Flora und Fauna zu einem Schwerpunkt im Zuge der Erneuerung der dekorativen Kunst werden.
Für Gallé ist das Meer eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für künstlerische Sujets und technische Herausforderungen, die es ihm ermöglichen, seine Talente im Bereich der Glasverarbeitung meisterlich unter Beweis zu stellen.

In den Sammlungen des Musée d'Orsay sind nur wenige, allerdings sehr bedeutende Exemplare der Werke mit Meeresmotiven von Emile Gallé vertreten, wie die Vase Das Meer oder auch Hand mit Algen und Muscheln.
Dank diesem Erwerb kann die Darstellung eines zentralen Themas seiner künstlerischen Arbeit nach der Universalausstellung von 1900 in unseren Sammlungen besser verdeutlicht werden.

Lars Trondson Kinsarvik, Schrank

Lars KinsarvikCabinet© Bruun Rasmussen Auctioneer
Kinsarvik ist einer der wichtigsten norwegischen Vertreter der Erneuerung der dekorativen Künste um 1900. Dieser Spezialist für Holzschnitzerei beteiligt sich ab den 1880er Jahren an der Definition eines nationalen und typisch norwegischen Stils, der als "Drachenstil" oder "Wikinger-Stil" bezeichnet wird.
Diese Kunstrichtung knüpft an die lokale mittelalterliche Kunst, Dekore alter Kirchen und die vorchristliche Ikonografie an. Am Ende des 19. Jahrhunderts versucht Norwegen, sich von der schwedischen Schirmherrschaft zu befreien. Somit offenbart sich in der Entwicklung eines nationalen Kunststils ebenfalls ein gewisses politisches Engagement, und das Museum für dekorative Kunst, das 1876 gegründet wurde, spielt somit eine wichtige Rolle bei dessen Verbreitung.

Kinsarvik lehrt seinerseits die Holzschnitzerei in Hardanger und an der Akademie für angewandte Künste in Oslo. Zudem ist er der Chefredakteur von Gamall norsk prydkunst, einer Zeitschrift für dekorative Kunst, die Verzeichnisse mit Motiven aus der norwegischen Tradition veröffentlicht.
Seine Arbeit erlangt internationale Bekanntheit, u. a. durch seine Teilnahme an den Universalausstellungen in Paris 1889 und 1900, als er Norwegen an der Seite einiger Landsmänner vertritt. Im Übrigen wird er auf der Ausstellung von 1900 mit der Bronzemedaille ausgezeichnet.

Die hier vorhandene Polychromie mit Blau- und Grüntönen, hervorgehoben durch orangefarbene Nuancen, ist charakteristisch für die Arbeit des Künstlers. Das geschnitzte und gemalte Dekor wird auf allen Oberflächen des Möbelstücks: umgesetzt. Zu sehen sind Drachen, Ornamente mythologischer Masken, norwegische Sagenfiguren sowie traditionell inspirierte geometrische Motive...
Durch die Pracht und Qualität der dekorativen Arbeiten ist dieser Schrank ein spektakuläres Beispiel für die norwegische Art Nouveau-Bewegung, die sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte.

Paul Elie Ranson, Zigarrenkiste

Paul Elie RansonZigarrenkiste© Christie’s images Limited
Das "Etablissement public des musées d’Orsay et de l’Orangerie" hat sein Vorkaufrecht wahrgenommen, um auf einer öffentlichen Auktion bei Christie's am 15. November 2018 ein Werk des Künstlers Paul Elie Ranson zu erwerben.

Paul Elie Ranson war sicherlich einer der Nabi-Maler, der die Möglichkeiten der dekorativen Künste am weitesten erforscht hat. 1901 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der renommierten Pariser "Société des Artistes Décorateurs". Im Milieu der dekorativen Künste gewann er insbesondere für seine Beiträge auf dem Gebiet der Textilkunst besondere Anerkennung.
Seine bekanntesten Werke sind in der Tat die Wandteppiche, die seine Ehefrau France nach auf Karton gezeichneten Entwürfen angefertigte. Zwei dieser Werke sind Teil der Sammlungen des Musée d'Orsay Femmes en blanc [Frauen in Weiß] und Printemps [Frühjahr].
Durch den Erwerb dieser Zigarrenkiste kann diese kleine Sammlung, die dem dekorativen Schaffen Ransons gewidmet ist, vorteilhaft ergänzt werden.

Die wenigen Objekten mit Holzintarsien, wie diese Zigarrenkiste, zählen zu den selteneren und weniger bekannten Werken außerhalb des engeren Kreises und verdeutlichen das Interesse des Künstlers für unterschiedliche Techniken.
Für die Ausführung des Objekts zeichnete Alfonse Hérold verantwortlich, ein Kunsttischler und Mitglied der Gruppe "L'Art dans tout" von 1898 bis zu ihrer Auflösung 1901. Er war ebenfalls der Bruder des Schriftstellers Ferdinand Hérold, für den Ranson Bucheinbandmodelle entworfen hatte.

Paul Elie RansonZigarrenkiste© Christie’s images Limited
Das Kernelement des Zigarrenkistendekors ist die die Ziertafel auf dem Deckel. Es handelt sich um ein regelrechtes "Intarsien-Gemälde", das den gemalten Kompositionen von Ranson nahe steht.
Zu sehen ist eine nackte Frau, die an einem Baumstamm lehnend am Ufer eines Flusses sitzt. Die naturgetreue Darstellung der Landschaft kommt insbesondere durch die üppige Vegetation zustande: Baumstämme im Hintergrund und Blätter im unteren Bereich sind typisch für die symbolistischen Landschaften der Nabis.
Die Komposition erinnert an die zeitgenössischen Gemälde von Ranson, die nackte Frauengestalten am Waldrand und am Ufer von Flüssen in Szene setzen.

Die Intarsientechnik erlaubt den spielerischen Umgang mit Texturen wie der Baumrinde oder Wasseroberfläche. Ranson verwendet diese Effekte ebenfalls in seiner Malkunst.
Das Dekor der Kiste ist sowohl in Hinsicht auf Komposition als auch Stil vergleichbar mit Gemälden wie z. B. Trois baigneuses aux iris [Drei Badende mit Schwertlilien] (private Sammlung) aus dem Jahre 1896. Wiederkehrende Elemente sind der imposante Baum, die Wellen an der Wasseroberfläche und die üppige Vegetation – ein Symbol für Sinnlichkeit - im Vordergrund.

Paul Elie RansonZigarrenkiste© Christie’s images Limited
An der Wasseroberfläche scheinen Wasserpflanzen zu schwimmen, und auf der Vorskizze sind eindeutig Seerosen zu erkennen , die auf dem Dekor an den Seitenflächen der Kiste sichtbar sind. Dieses Wellenmotiv, das durch die markante Holzstruktur auf den seitlichen Dekortafeln hervorgehoben wird, steht außerhalb des erzählerischen Kontexts der Haupttafel.
Es könnte sich ebenfalls um Rauchschwaden handeln, die somit auf den praktischen Verwendungszweck der Kiste hindeuten.

Es handelt sich um einen bescheidenen, aber wertvollen Beitrag von Ranson auf einem Gebiet, das ihm eher fremd war. Diese Kiste mit Holzintarsien nimmt eine Sonderstellung unter den seltenen Objekten ein, die von den Nabis dekoriert wurden, und könnte durchaus einen prägenden Einfluss auf die späteren Arbeiten der Dekorateure ausgeübt haben, die unter ihrem direkten Einfluss standen (wie z. B. Maurce Biais oder François Waldraff, die für J. Meier-Grafe arbeiteten). Nur ein einziges vergleichbares Objekt ist bekannt: Es handelt sich um die Kiste Femme au panier [Frau mit Korb](private Sammlung), die den Kompositionen der Wandteppiche von Ranson näher steht.

Léonard Abel Landry, Chaiselongue

Léonard Abel LandryChaiselongue© Azur Enchères-Studio Bazille
Dieses Möbelstück repräsentiert jene prägende Epoche in der Geschichte der dekorativen Kunst, die in der Gründung der Galerie La Maison Moderne von Julius Meier-Graefe im Jahr 1899 ihren Höhepunkt erreicht. Es verdeutlicht sehr gut die Komplexität des französischen Art Nouveau (im deutschen Sprachraum allgemein als Jugendstil bezeichnet) oder genauer gesagt des Pariser Art Nouveau, zwischen der Öffnung gegenüber vielfältigen europäischen Einflüssen und der Definition eines neuen nationalen Stils.
Obwohl er heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, war der Architekt und Dekorateur Abel Landry ein interessanter Protagonist dieser Kunstbewegung, dessen Werke jedoch bislang in den Sammlungen des Musée d'Orsay nicht vertreten waren. Durch diesen Erwerb hält ein Werk Einzug in die Museumssammlungen, das von seiner Laufbahn, dem spezifischen Kontext seines Schaffens und der Qualität seiner Kreationen zeugt.

Landry arbeitete für die Galerie La Maison moderne an der Seite von Künstlern wie Van de Velde, Follot oder Dufrêne. In den 1900er Jahren zeichnet sich sein Stil durch die Verwendung von energischen Linien und vielfach straffen Kurven aus. Seine Bearbeitung der Schnitzverzierungen bleibt relativ schlicht und betont die allgemeine Struktur.

Dieser Sessel entspricht eindeutig der Identität des Künstlers, die energische Form verleiht ihm eine spektakuläre Dimension. Besonders auffällig sind die gewölbten Pfosten mit diskreten Schnitzverzierungen.
Im oberen Bereich der Lehne und am Übergang zu den Armlehnen und unteren Pfosten ist ein geschnitztes Motiv in Form eines Ginkgoblattes zu sehen, das bei den Möbelstücken von Landry häufig vorzufinden ist. Der Sessel war ursprünglich mit Bezügen aus graviertem und mit Seide durchsetztem Leder verziert. Diese Materialien wurden vom Dekorateur häufig für Sitzbezüge verwendet, die heute jedoch größtenteils verschwunden sind.
Ein Möbelstück von Maurice Biais, das vom Museum 2016 erworben wurde, weist eine starke Ähnlichkeit zu jenem von Landry auf. Beide wurden auf ein und derselben Seite im Sammelband Documents sur l’art industriel au XXe siècle [Dokumente über die industrielle Kunst im 20. Jahrhundert] veröffentlicht: Sie weisen u.a. eine nach hinten geneigte Struktur, breite Armlehnen und ein im oberen Teil an einem Metallstab befestigtes Nackenkissen auf.

Paul Gauguin, Vase "Atahualpa"

Paul GauguinVase Atahualpa© Christie's / DR
Das Musée d’Orsay hat am 2. Oktober 2018 auf einer Auktion in London eine der geheimnisvollsten und emblematischsten Vasen von Gauguin erworben.

Der Künstler erforschte verschiedene Kunstgattungen, u. a. die Töpferei. Er kreiert ab 1886 "Keramikskulpturen" aus Feinsteinzeug, bei denen es sich um atypische und völlig neue Produktionen handelt.
Diese Blumenvase ist unter dem Titel Atahualpa bekannt. Bei der Ausstellung mehrerer Werke von Gauguin in einer Pariser Galerie im Winter 1887-1888 hebt der Kritiker Felix Fénéon die tragische Dimension dieses "Kopfes eines beraubten Atahualpa mit abgründig offenem zerrissenem Mund" hervor.

Indem er den letzten König der Inkas erwähnt, der 1532 von Pizarro ermordet wurde, nimmt der Schriftsteller zweifellos Bezug auf die südamerikanischen Wurzeln von Gauguin und die Modelle, die ihm als Inspirationsquelle gedient haben könnten.
Der Künstler bezieht seine Inspiration aus verschiedenen, überwiegend einfachen Quellen (mexikanische, präkolumbianische, japanische Vasen, volkstümliche europäische Keramik), um ein einzigartiges und verstörendes Werk zu schaffen.

Die Eigenartigkeit der Vase, die eine menschliche Büste darstellt, beruht auf dem Fehlen der Schädeldecke, die durch ein gähnendes Loch ersetzt wird. Die Leere ist umso beängstigender, als ein seltsames Lächeln mit der gewaltsamen Symbolik dieser Abwesenheit kontrastiert.
Das mit Schmetterlingen verzierte Gewand hebt diesen Gegensatz zusätzlich hervor und bringt eine komische bzw. groteske Dimension mit sich.

Paul GauguinVase Atahualpa© Christie's / DR
Gauguin drückt erneut seine Vorliebe für Gegensätze aus : Das füllige männliche Gesicht mit einem diskreten eingekerbten Unterlippenbart und dichtem Kinnbart als typische männliche Attribute zeigt ebenfalls ein Wangengrübchen und einen mit Schmetterlingen verzierten Rock, die als weibliche und jugendliche Symbole zu werten sind. Und zuletzt kann auch eine sexuelle Konnotation der Hauptöffnung nicht ignoriert werden: Sie erinnert an das weibliche Geschlecht, das man auch einige Jahre später auf der Rückseite des berühmten Werks Oviri findet.

Die Eigentümlichkeit erreicht ihren Höhepunkt auf der Rückseite: Gauguin kreiert ein Hybridwesen mit riesigen Ohren und setzt sich spielerisch und gleichzeitig meisterhaft mit der Verwandlung und Polysemie der Formen auseinander.

Diese Vase ist innerhalb des künstlerischen Schaffens von Gauguin absolut einzigartig und hat heute einen hohen Wiedererkennungswert. Dieses eigenartige und radikale Werk ergänzt auf perfekte Weise die Sammlung des Musée d'Orsay, die bereits sieben Keramiken umfasst, und bietet einen faszinierenden Gegensatz zu Pot anthropomorphe, einer Selbstporträt-Vase, die der Künstler ein Jahr später anfertigte.

Johan Coenraad Altorf, Sitzbank

Johan Coenraad Altorf Sitzbank© DR - Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Johan Coenraad Altorf erlernt als Sohn eines Tischlers bereits in frühen Jahren die Bearbeitung von Holz, bevor er 1897 in die Kunsthochschule von La Haye eintritt. Er begegnet Johan Thorn Prikker, der ihn in den belgischen Symbolismus und Jugendstil einführt, dem u.a. die Produktionen der Künstler der Gruppe XX zuzuordnen sind, der J. Thorn Prikker angehört. Über ihn kommt er ebenfalls zum Kreis des niederländischenArts & Crafts.
Um die Jahrhundertwende wendet sich Altorf der angewandten Kunst zu, insbesondere dem Mobiliar und architektonischen Dekor. Er schafft den Durchbruch bei der Präsentation seiner Werke auf der internationalen Ausstellung von La Haye im Jahr 1901 sowie der internationalen Ausstellung der modernen dekorativen Künste in Turin im Jahr 1902.
Danach spezialisiert er sich in den 1910er Jahren auf die Fertigung von Skulpturen, die für die Verzierung moderner Gebäude in La Haye vorgesehen sind. Wie zahlreiche Künstler der Stadt verbindet er die niederländische Tradition mit belgischen und englischen Einflüssen.

Die Sitzbank ist ein schönes Beispiel für die Arbeit von Altorf. Die einfache und klar erkennbare Struktur, die sogar etwas starr wirkt, wird durch Einlegearbeiten aus Ebenholz und Elfenbein verschönert, die dem Werk eine kostbarere Dimension verleihen.
Dieser Kontrast zwischen einem rustikalen und traditionellen Material und wertvolleren Werkstoffen ist typisch für den niederländischen Jugendstil, ebenso wie die straffe und klare Struktur des Möbelstücks, die an den Ansatz von H.P. Berlage erinnert.

Die tierische Inspiration ist charakteristisch für den Künstler und das niederländische Arts & Crafts: K. de Graaff für Mobiliar, J. von Hoytema für Illustration, J. Mendes Da Costa für Bildhauerei.
Dieser Ansatz zeigt sich ebenfalls auf dem zentralen Relief (mit einem vom rechteckigen Rahmen der Platte eingeschlossenen Vogelmotiv) sowie den Armlehnen, die an ihren Enden mit einem Hasenkopf und einer Schnecke, die aus ihrem Häuschen kriecht und zunehmend verlängert und stilisiert wird, verziert sind.

Zuletzt findet man an der Spitze der zwei Seitenpfosten einen Affen aus geschnitztem Ebenholz, der die spätere Laufbahn von Altorf im Bereich der Fertigung von architektonischen Tierskulpturen ankündigt.
Diese dekorativen Grundmuster erinnern an den Spiegel, der 2014 vom Musée d'Orsay erworben wurde, und Teil desselben Ensembles ist.

Piet Mondrian, „Heuballen III“

Piet MondrianHeuballen III© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Dieses Werk von Mondrian, das mit Sicherheit zwischen 1908 und 1909 - wahrscheinlich in der Provinz Zeeland, einer ländlichen Küstenregion in den Niederlanden - gemalt wurde, entspricht einem entscheidenden Moment für den Künstler, der damals ein Anhänger theosophischer Theorien ist.
Während der letzten Jahre seiner Laufbahn folgt Mondrian der stilistischen Entwicklung der Malerei um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er arbeitet zunächst im naturalistischen und akademischen Stil und lässt sich von der holländischen Tradition inspirieren, indem er melancholische Landschaften in Blau- und Grautönen malt.
Ab 1904 ändert sich sein Malstil und macht Platz für Innenansichten und -szenen in großflächig aufgetragenen Farben. Er wendet sich nach und nach dem Fauvismus und dann dem Divisionismus zu, wobei er sich gleichzeitig für den Expressionismus von Van Gogh begeistert.

An diesem Wendepunkt seiner Laufbahn ändert sich weniger die Thematik seiner Werke als vielmehr seine Art zu malen. Mondrian entdeckt seinen eigenen Weg und gibt die "natürliche Farbe" zugunsten der "reinen Farbe" auf.
Er beschäftigt sich mit dem Motiv, das bald als Vorwand für seine Erforschungen zu Komposition und Farbe dient, welche die Spiritualität der Formen ausdrücken sollen.

Obwohl Mondrian wahrscheinlich das Motiv anlässlich einer seiner Besuche in der Provinz Zeeland studiert und die Lichtvariationen beobachtet hat, so verraten die intensive Farbpalette und die hervorgehobenen Linien dennoch eine künstlerische Tendenz in Richtung Symbolismus und Impressionismus.
Der Maler hat in den Jahren 1908-1912 mehrere Serien realisiert: Heuballen III und die zwei Pendants (Heuballen I, unbekannter Ort, und Heuballen II, Sidney Janis Family) könnten sehr gut seinen ersten Zyklus darstellen.

Dieses wichtige Werk innerhalb der Laufbahn von Mondrian zeugt von seinem progressiven Übergang zur Abstraktion. Es unterstreicht die Bedeutung des internationalen Symbolismus und der theosophischen Theorien in der Bewegung hin zur bildlichen Abstraktion.

 

Edouard Manet, „Die Europabrücke“

Edouard ManetDie Europabrücke© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Caillebotte, Monet und Manet haben Bilder geschaffen, die zu Symbolen des Impressionismus geworden sind. Hier handelt es sich um ein Wahrzeichen der urbanen Modernität in Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts: die Europabrücke.
Diese Zeichnung von Manet steht in Verbindung zu Die Eisenbahn (Washington, National Gallery of Art), einem besonders bedeutenden Gemälde innerhalb seiner Laufbahn, das 1872 begonnen und im Salon von 1874 ausgestellt wurde. Es handelt sich um die erste große Komposition, die er nach dem Fall des Kaiserreichs und der Pariser Kommune unternimmt.

Ab Beginn der 1870er Jahre lebt und arbeitet der Künstler im Pariser Viertel L'Europe, das sich in Aufbruchstimmung befindet.
Als unermüdlicher Spaziergänger lässt er sich von den quirligen Gassen und diesem Stadtviertel, das im Zuge der Stadtbauprojekte des Baron Haussmann von Grund auf neu gestaltet wird, inspirieren. Er hat diese Skizze wahrscheinlich im Park hinter dem Wohnhaus in der Rue de Rome Nr. 58 angefertigt, wo sein Freund Alphonse Hirsch sein Atelier hatte.
Im Hintergrund sind die Gebäudefassaden der Rue de Saint Petersbourg erkennbar, die fast bis zum Atelier des Künstlers verläuft, der ab 1872 in der Rue de Saint Petersburg Nr. 4 arbeitete.

In den 1870er Jahren praktiziert Manet verstärkt die Zeichnung im Freien, wobei er in einem Notizbuch verschiedene Eindrucksfragmente rasch skizziert.
Einige Akzente und Symbole genügen, um die Umgebung und die Protagonisten des urbanen Lebens zu charakterisieren.
Die Eisenbahn verbindet eine stenographische Zeichnung, die sich durch besondere Leichtigkeit auszeichnet, mit einer soliden Komposition, die der Leere einen gewagten Platz einräumt. „Das Auge, eine Hand...“ sagte Mallarmé, indem er Manet zitiert und ihm in Wirres Gerede (1897) eine Hommage erweist: der klare Blick des Künstlers, der spontan Skizzen anfertigt, die schnelle Hand, die aus dem Nichts eine Komposition, einen Rhythmus, eine Atmosphäre schafft.
Der unvollendete Teil vermittelt die Vergänglichkeit und das vorübergehende Bestehen und macht aus Manet den Zeichner des modernen Lebens, so wie ihn Baudelaire erträumte.

Paul Sérusier, „Tetraeder“

Paul SérusierTetraeder© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand-Palais / Patrice Schmidt
Das Gemälde Tetraeder von Paul Sérusier ist von schwebenden Objekten in einem orientierungslosen Raum bevölkert und Teil eines Zyklus geheimnisvoller Malereien, die den Symbolismus bis in die Abstraktion steigern.
Etwas Mystisches spielt sich in diesem Werk ab, das das Interesse des „Nabi mit dem leuchtenden wallenden Bart“ für die Esoterik der Farben und Formen widerspiegelt. Allerdings steht die Geometrie bei Sérusier vor allem in Dienste seiner ästhetischen Bedürfnisse, denn er folgt mehr einer philosophischen Kontinuität als einem Formenkanon.

Dieses Gemälde soll um 1910 entstanden sein, während Sérusier von 1908 bis 1912 an der Académie Ranson lehrt. Seine Kurse, die 1921 unter dem Titel ABC der Malerei veröffentlicht wurden, beinhalten in der Tat einen Abschnitt, der den Zahlen und Proportionen gewidmet ist und das dem Werk Tetraeder innewohnende Vorhaben verdeutlicht, mittels einer symbolistischen Darstellung die engen Verbindungen zwischen Mensch und Kosmos neu zu formulieren.

Tetraeder bildet mit Goldzylinder (Musée des Beaux-arts de Rennes) und Die Ursprünge (Privatsammlung) eine einmalige Einheit innerhalb des Schaffens von Sérusier.
Anlässlich eines seltenen öffentlichen Auftritts 1947 im Rahmen einer Retrospektive im Palais Galliera wurden drei Werke als Tryptichon zum Thema des Ursprungs der Welt und des Universums ausgestellt. Allerdings bleibt Tetraeder das abstrakteste der drei Werke.
Im Unterschied zu Goldzylinder oder Die Ursprünge, die einen Raum beibehalten, in dem eine Horizontlinie erkennbar bleibt, ist die Tiefe Tetraeder kaum mehr von einer Form der Farbperspektive geprägt.

Dieses Gemälde betont die permanenten Erforschungen in Bezug auf die Darstellung von Sérusier im Sinne der Verwendung abstrakter Formen, lange nach der stilprägenden Lektion, die Gauguin dem jungen Paul Séruisier im Bois d'Amour erteilte, sowie Talisman im Jahr 1888.
Somit kann die bedeutende und doch wenig bekannte Etappe der darstellerischen Erforschungen in Richtung einer abstrakten Andeutung der Formen beleuchtet werden. Auf diese Weise wird eine völlig neue Auslegung der Kunstgeschichte in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen.

 

Jean-François Millet, „Der Mittagsschlaf“

Jean-François Millet Der Mittagsschlaf© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Diese Studie, deren Erwerb durch die großzügige Unterstützung der Société des Amis des musées d'Orsay et de l'Orangerie (SAMO), möglich war, steht im Zusammenhang mit der Komposition Der Mittagsschlaf, dessen endgültige Version heute verloren ist, und stellt ein im Schatten eines Heuballens schlafendes Bauernpaar dar.
Es ist Teil des Zyklus Die vier Tageszeiten: Ländliche Szenen, mit Morgen, Aufbruch zur Arbeit, Mittag, Mittagsschlaf, Abend, Tagesende und Nacht, Abendgebet. Die von Jacques-Adrien Lavieille gravierten Zeichnungen wurden zunächst 1860 und dann 1873 in der Zeitschrift L'Illustration veröffentlicht.
Die bekannteste Variante dieser Komposition ist das Pastell Mittagsschlaf aus dem Jahr 1866 (Boston, Museum of Fine Arts). Dieses Bild nahm ikonischen Charakter an dank des berühmten Gemäldes von Van Gogh Mittagsschlaf (nach Millet) (1889-1890, Musée d'Orsay), das "die Eindrücke von Hell und Dunkel in Weiß und Schwarz in eine andere Sprache - jene der Farben - übersetzt".

In der Studie für Mittag wird der schlafende Mann hervorgehoben - mehr als die Frau, die nur angedeutet ist und von der das Musée d'Orsay bereits eine fertige Studie besitzt.
Erstens sind Darstellungen schlafender Männer weit seltener als jene der "Schlafenden Schönen", und zweitens entfernt sich dieser zeitgenössische Schläfer aus der Welt der Arbeiter auch von der Tradition der Darstellung Schlafender in einem mythologisch (Der Schlaf von Endymion, Psyche und die schlafende Liebe…), biblisch (Der Traum Jakobs, Ruth und Boas…), literarisch (Ossian…) oder allegorisch (Genius des Schlafes) angehauchten Kontext.

Mit einer ausdrucksvollen und synthetischen Linie zeichnet Millet auf realistische Weise die entspannte Position des Körpers, die von den Falten der Kleidung betont wird. Die Beine liegen weit auseinander, die Zehen sind gespreizt.

Der schlafende Bauer ist nicht anmutig, sein tiefer Schlaf ist kein Vorwand, ohne sein Wissen seine Schönheit zu bewundern.
Millet gelingt es, das Bild eines einfachen Mannes im erholsamen Schlaf zu vermitteln, der am Boden liegt, aus dem er seine Nahrung holt und auf dem er sich erholt.

Frances Benjamin Johnston, Fotografiensammlung

Frances Benjamin Johnston© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Dank der Großzügigkeit seiner amis américains (AFMO) konnte das Musée d'Orsay eine bedeutende Akquisition im Bereich der Werke von Fotografinnen- einem wichtigen Schwerpunkt seiner Erwerbspolitik - tätigen.
Es handelt sich um eine Reihe von Fotografien der Amerikanerin Frances Benjamin Johnston, einer Figur, die in der Geschichte der Fotografie trotz internationaler Bekanntheit und Anerkennung als professionelles Vorbild zu Lebzeiten unterschätzt wurde.
Johnston war die erste Fotojournalistin des 19. Jahrhunderts und porträtierte die politischen Milieus der Bundeshauptstadt. Sie galt ebenfalls als Referenz in den Bereichen der Dokumentarbilder und architektonischen Fotografie sowie als aktive Fürsprecherin der Fotografinnen.

Die heute erhaltene Sammlung stammt beinahe vollständig aus dem letzten Wohnsitz dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Sie umfasst sowohl Werke darstellerischer Inspiration (1890er Jahre) sowie "die letzte niemals aufgenommene Fotografie von Präsident McKinley".
Zwei bedeutende Untergruppen sind der Aktivität von Johnston im Bildungsbereich zuzuschreiben: einerseits die Reportage 1899 über die öffentlichen Schulen in Washington (sie wurde anlässlich der Universalausstellung in Paris 1900 präsentiert und verhalf der Fotografin zu einer Goldmedaille sowie der Verleihung des Ordens Palmes académiques) und andererseits die Reportage über das Tuskegee Institute in Alabama (1902 und 1906), die als repräsentative Dokumentation der Arbeit in den Einrichtungen für afroamerikanische Bürger gilt.
Zwei weitere Gruppen von Studien veranschaulichen die spätere Spezialisierung von Johnston im Bereich der Architektur: Eine Reportage über den Sitz der Panamerikanischen Union in Washington (1908-1910); zahlreiche Innenaufnahmen, die häufig in den Wohnsitzen der Oberschicht von New York und Washington aufgenommen wurden (um 1909-1915).

Diese Reihe zählt zu den repräsentativsten Werken innerhalb der langen Laufbahn von Johnston und ist die einzige dieser Art, die künftig in einer Institution außerhalb von Amerika aufbewahrt wird.
Ihr Einzug in die nationalen Sammlung ist umso bedeutender in Anbetracht der facettenreichen Beziehung der Fotografin zu Frankreich: ihre Malausbildung an der Académie Julian in Paris 1883-1885; ihre zahlreichen späteren Aufenthalte und engen Beziehungen zu mehreren französischen Protagonisten auf dem Gebiet der Fotografie, die offizielle Anerkennung anlässlich der Universalausstellung 1900 und ihre Rolle als Botschafterin der amerikanischen Fotografie im Zuge des Bewusstseins der bedeutenden Leistungen der Fotografinnen.

Ferdinand Hodler, Porträt von Werner Miller (1899) und Portrait von Mathias Morhardt (1913)

Ferdinand HodlerBildnis Werner Miller© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
In diesem Jahr, in dem der hundertste Todestag des berühmten Schweizer Malers Ferdinand Hodler begangen wird, hat das Musée d'Orsay zwei seiner Werke erworben: Das Porträt des jungen Werner Miller (1899) und jenes des Schriftstellers, Dichters, Theaterautors und Journalisten Mathias Morhardt (1913).

Orsay bewahrt als einziges französisches Museum Werke von Hodler auf und zählte bisher drei Gemälde zu seinen Sammlungen (Der Holzfäller, Die Pointe d'Andey und Madame Valentine Godé-Darel ill). Aber keines ermöglichte es bislang, einen wichtigen Aspekt seines künstlerischen Schaffens zu beleuchten: die Verbindung zwischen dem realistischen Portrait und der symbolistischen Komposition, die man im Bild dieses im Gras sitzenden Jungen vorfindet.

Ferdinand HodlerPorträt von Mathias Morhardt© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Neben den plastischen Eigenschaften des Porträts von Mathias Morhard kann in diesem Zusammenhang die Rolle der Intellektuellen als Vermittler zwischen den Kulturen angesprochen werden, die zur außerordentlichen künstlerischen Vitalität in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts beigetragen haben.

Mit diesen zwei Akquisitionen betont das Musée d'Orsay seine Absicht, die Präsenz der ausländischen Avantgardisten in seinen Sammlungen zu verstärken, um ein besseres Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts zu fördern.

Albert Dubois-Pillet, „Felder und Fabrik“ oder „Eisenwerke von Ivry“

Albert Dubois-PilletFelder und Fabrik© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Durch den Erwerb dieses Gemäldes konnte ein Werk identifiziert werden, dessen Verbleib unbekannt war. Es handelt sich um die Eisenwerke von Ivry, für die hier die erstaunliche Nebeneinanderstellung mit einem bestellten Feld gewählt wurde.
Durch seinen Aufbau fasst das Bild den Wandel zusammen, der sich in den Pariser Vorstädten durch die fortschreitende Industrialisierung vollzog. Der Künstler stellt den warmen Tönen der Felder die kalten, bläulichen Fabrikgebäude mit ihren rauchenden Schornsteinen gegenüber, die den Himmel verschmutzen.

Die Konstruktion der Landschaft beruht auf der geschickten Verbindung von verwandten oder kontrastierenden Farben oder der Gegenüberstellung von Komplementärfarben. Die langgezogene Perspektive mit dem gewundenen Schatten im Vordergrund akzentuiert die Dramatisierung des Themas und verleiht dieser von Menschen und Tieren freien Fläche Poesie.

Der mit Seurat, Signac, Luce sowie Pissarro Vater und Sohn befreundete autodidaktische Maler und Offizier Dubois-Pillet gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Salon des Artistes indépendants. Er verstand es, die Lehren seines verehrten Meisters Seurat umzusetzen, indem er den optischen Kontrast und die pointilistische Technik übernahm.
Da seine Gemälde nur selten verkauft wurden, bietet diese Anschaffung die schöne Gelegenheit, dem Publikum ein Werk vorzustellen, das zuletzt 1888 gezeigt wurde.

Eugène Grasset, Entwurf für eine monumentale Tür

Eugène GrassetMonumentale Tür© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
1890 gab Winnaretta Singer bei dem Bildhauer Jean Carriès eine monumentale Tür für das Atelier ihres Stadthauses in der Rue Cortambert in Paris in Auftrag. Die Prinzessin, selbst Amateurkünstlerin, lud dort zu legendären Abenden.
Aufgrund der ehrgeizigen Technik (emaillierter Sandstein) und der komplexen Ikonographie war die Konzeption eine Herausforderung. Carriès starb, bevor er sie vollenden konnte. Einige Elemente und ein Modell werden im Musée du Petit-Palais aufbewahrt, und das Musée d’Orsay besitzt in seinen Sammlungen einen Rahmen mit dreizehn Fotografien der Tür während ihrer Entstehung, zwei davon zeigen ebenfalls den Künstler.

Eugène Grasset wurde als Freund und Nachbar von Carriès mit dem Entwurf des Projekts beauftragt. Dieser zeichnet sich mit wechselnden Perspektiven der Säulen und der Oberflächen und seiner ikonografischen Vielfalt durch eine bemerkenswerte räumliche Präzision aus.
AnonymJean Carriès bei der Arbeit an der monumentalen Tür© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Zu sehen ist eine Art mittelalterliches Bestiarium, vermischt mit weiblichen Köpfen; in der Mitte eine Statuette, die möglicherweise die Auftraggeberin und glühende Verehrerin von Wagner darstellt.

Dieser von Carriès‘ Werk weit entfernte Entwurf, von dem es vorbereitende Skizzen auf Transparentpapier gibt, ist repräsentativ für Grassets einzigartigen Verzierungsstil (Frontispiz „Ville imaginaire“ [Imaginäre Stadt]; Möbel für Charles Gillot). Die Begeisterung für Eigentümliches einte die drei Protagonisten.

Bedeutende Zugänge im Musée d'Orsay 2017

Camille Claudel: außergewöhnliche Neuerwerbungen

Die öffentlich-rechtliche Anstalt Musées d'Orsay et de l'Orangerie übte auf der Versteigerung „Camille Claudel : un trésor en héritage”, die am Montag, den 27. November 2017 bei Artcurial stattfand, ihr Vorverkaufsrecht für zwei Objekte aus: Studie II für Sakuntala (um 1886) und Kopf einer alten Frau, Studie für Das reife Alter (um 1890).

Diese außergewöhnlichen Ankäufe, die direkt von den Erben der Schwester von Camille Claudel, Louise de Massary, stammen, ergänzen die Sammlungen des Musée d’Orsay, das bisher nur zwei Werke der Künstlerin (Das reife Alter und Torso der Klotho) besaß. Insbesondere die bemerkenswerte Studie aus Terrakotta für Sakountala, eines ihrer bedeutendsten Werke, ist eine kostbare Bereicherung der Skulpturensammlung.

Camille ClaudelStudie II für "Sakuntala"© Artcurial / DR
Studie II für Sakuntala (um 1886)
Entwurf aus Terrakotta
H. 21,50; Br. 18,50; T. 11 cm

Als Inspirationsquelle für das Werk dient das Drama des hinduistischen Dichters Kâlidâsa, das 1830 auf Französisch übersetzt wurde. Ernest Reyer schuf 1858 ein Ballett nach dem Libretto von Théophile Gautier: Infolge eines Fluchs vergisst Prinz Dushyanta seine Ehe mit Sakuntala.
Die Umarmung der zwei Figuren veranschaulicht den glücklichen Ausgang der Geschichte, als Sakuntala und ihr Gatte sich im Nirvanha wieder begegnen.

Für Sakuntala schöpft Claudel zum ersten Mal aus der Literatur. Das Werk entsteht während ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Rodin, es weist mehrere formale Entsprechungen zu dem berühmten Kuss auf.
Die kraftvolle Modellierung dieses Entwurfs (einer der wenigen, die noch existieren) veranschaulicht die Technik der Künstlerin.


Camille ClaudelKopf einer alten Frau, Studie für "Das reife Alter"© Artcurial / DR
Kopf einer alten Frau, Studie für Das reife Alter (um 1890)
Gips
H. 11; Br. 9; T. 11 cm

Dieser Ateliergips ist ein Entwurf für die alte Frau der Skultpur Das reife Alter, von der das Musée d’Orsay das erste Bronzeexemplar besitzt. Das Modell war die Italienerin Maria Caira, die auch für Jules Desbois und Auguste Rodin arbeitete.

Dank dieses Ankaufs werden die Sammlungen des Musée d’Orsay um eine Vorstudie ergänzt, die die Künstlerin sowohl für den Torso der Klotho als auch für Das reife Alter verwendete. Sie ist ein Element im Entstehungsprozess eines emblematischen Werks von Camille Claudel, in dem sie ihren Schmerz über die Trennung von Rodin zum Ausdruck bringt.
Diese Frau mit den ausgemergelten Gesichtszügen wurde oft als Allegorie der Lebensgefährtin von Rodin interpretiert, die den Bildhauer von der flehenden jungen Frau entfernte.

Beim Verkauf am 27. November 2017 wurden zwölf Werke (elf Skulpturen und ein Pastell) von sechs französischen Museen erworben Dieses Ensemble stellt eine beispiellose Bereicherung der öffentlichen Sammlungen durch Werke von Camille Claudel dar. Es wird in seiner Gesamtheit vom 9. Januar bis 11. Februar 2018 in der Galerie Françoise Cachin, Ebene 2 im Musée d'Orsay der Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Reihe von Farbfotografien der Gebrüder Lumière

Louis Lumière, Auguste Lumière und andere Mitglieder der Familie LumièreHenri Lumière© Musée d'Orsay, dist RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Louis Lumière, Auguste Lumière und andere Mitglieder der Familie Lumière
69 Autochrom-Bilder (Glasabzüge), zwischen 1905 und 1935 (Familienszenen, individuelle oder Gruppenportraits, Standbilder und Landschaften)

Louis und Auguste Lumière, oder Mitarbeiter der Lumière Werke
6 Trichromie-Bilder (Glasabzüge), 1895-1898 (Komposition mit Spielzeug und Reproduktionen von Gemälden)

Das Musée d'Orsay hat eine außerordentliche Sammlung zu den Erfindungen der Gebrüder Lumière im Bereich der Farbfotografie angelegt. Sie umfasst seltene Aufnahmen, die mit ihrem ersten Trichromieverfahren auf Glas (patentiert ab 1895) hergestellt wurden. Es handelt sich größtenteils um experimentelle Produktionen in einem großen, wenig geläufigen Format (18x13 cm).

Diese Art hochwertiger Folien setzte ein zu kompliziertes Herstellungsverfahren voraus, um eine kommerzielle Entwicklung zu ermöglichen. Nachfolgende Forschungen führten zur Entwicklung des Autochromverfahrens (patentiert 1903), das als erstes Farbverfahren ab 1907 in industriellem Maßstab vermarktet wurde.

Unter den 69 erworbenen Autochrom-Bildern wurden bestimmte Abzüge von Hand hergestellt, bevor die Erfindung vermögenden Amateuren zugänglich gemacht wurde. Das Interesse der Sammlung beschränkt sich nicht darauf, uns einen Einblick in die Privatsphäre der Erfinder des Kinos zu verschaffen. Bilder eines inszenierten Familienlebens, Portraits, Standbilder und Landschaften zeugen vom Einfluss der verschiedenen Bildvorlagen zu einer Zeit, als das Verfahren vor allem als Möglichkeit wahrgenommen wurde, sich einer Art "maschinellem" Impressionismus zu widmen.

Die ästhetische Ambition und einfühlsame Ausführung - durch die wiederholte Verwendung eines Maxiformats zur Geltung gebracht - gehen häufig über die Tradition der Familienfotografie hinaus. Dadurch zählt die Auswahl zu einer der bemerkenswertesten und umfangreichsten Sammlungen, die über die Verfahren der Farbfotographie der Gebrüder Lumière existieren.

 

Die Sammlung war weitgehend unbekannt und noch zu Beginn des Jahres 2017 im Besitz der Erben von Henri (1897-1971), dem Sohn von Auguste Lumière. Kein Autochrom-Bild dieser Familienproduktion wurde bisher in den nationalen Sammlungen aufbewahrt.

Dieser Zugang umfasst eine großzügige Schenkung von 6 Monochrom-Portraits der Gebrüder Lumière und des Patriarchen Antoine Lumière.

 

 

Charles Nègre, "Der kleine Schornsteinfeger"

Charles NègreDer kleine Schornsteinfeger© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Alexis Brandt
Zu Beginn der 1850er Jahre erregt der Maler Charles Nègre Aufsehen im gerade entstehenden Milieu der Pariser Fotografie. Seine Abbildungen - u.a. des einfachen Volks in Paris - bringen ihm die Anerkennung der Kritik als Erfinder der "Genre-Fotografie" ein.

Seine Serie über die Schornsteinfeger weist diesen besonderen Stil auf, der parallel dazu seine Malerei prägt und ebenfalls zahlreiche seiner Zeitgenossen beeinflusst, in Kontinuität der Gravuren ab dem 18. Jahrhundert und einer Bildtradition, die in der spanischen und nordischen Malerei des 17. Jahrhunderts wurzelt.

Obwohl Murillo und Rembrandt zum Thema der fotografierten Schornsteinfeger erwähnt werden, geht die Ambition von Nègre über die Problematik von Genre und malerischer Darstellung hinaus.

Durch Verwendung des Optiksystems, mit dem seine kleinen kreisförmigen Bilder hergestellt werden, möchte der Fotograf nach eigenen Angaben "Momentaufnahmen" erhalten. Dieses bahnbrechende Konzept nimmt in einem ebensolchen Projekt Gestalt an, das die Darstellung der Gehbewegung mithilfe eines neuen Mediums ermöglichen soll.

Die Belichtungsdauer und das Prinzip, die Bildschärfe in den Vordergrund zu stellen, zwingen ihn trotzdem zum Einsatz von optischer Täuschung: Die Drei marschierenden Schornsteinfeger haben in der kleinen (französische Fotografenvereinigung) und vor allem in der großen Version (Musée Carnavalet) posiert.

Die Reihe umfasst ebenfalls eine Aufnahme der Gruppe in Ruhestellung (Negativ im Musée d'Orsay), sodass der jüngste Arbeiter als einziger in die Ehre einer individuellen Inszenierung kommen sollte.

 

Der malerische Aspekt wurde beiseitegelassen, um die Ausdruckskraft der Silhouette zu betonen, die von einem markanten Schattenspiel, einer Geometrisierung der Formen und einer schnörkelloses Kulisse hervorgehoben wird. Diese Stilelemente erinnern an die modernen Gemälde des Malers Daumier, einem Nachbar von Nègre auf der Ile St. Louis.

Durch den Erwerb des einzigen bekannten Fotoabzugs des Kleinen Schornsteinfegers wurde die gesamte Serie der Schornsteinfeger von Nègre - d.h. ein Grundstein der Geschichte der Fotografie - in die französischen Sammlungen aufgenommen.

James Tissot, Pflanzengefäß "Grotte und Teich"

James TissotPflanzengefäß "Grotte und Teich"© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Tissot hinterlässt zahlreiche bedeutende und berühmte Gemälde, u.a. Kreis der Rue Royale und Portrait des Marquis und der Marquise de Miramon, die im Musée d'Orsay aufbewahrt werden. Obwohl der Künstler für sein Maltalent bekannt war, das ihm einen besonderen Platz im französisch-englischen Kontext seiner Zeit einräumt, nimmt er ebenfalls eine führende Stellung im Bereich der dekorativen Künste ein.

Nachdem er die schwierige Emaille-Technik erlernt hat, ist es wahrscheinlich, dass Tissot für die Anfertigung dieses Pflanzengefäßes die Hilfe von Handwerkern in Anspruch nahm. Er scheint von Gießern wie Christofle oder Barbedienne beeinflusst worden zu sein, oder er ließ sich von Handwerkern beraten, die für Elkington (ein Unternehmen, das wie Christofle ebenfalls Bronzeobjekte im Japanisch-Stil aus Emaille in Cloisonné-Technik herstellte) arbeiteten.

Auf jeden Fall bezeugt die Gussqualität der vergoldeten Bronzeobjekte die Kompetenz von hoch qualifizierten Fachleuten.

Bei diesem Exemplar werden die bemerkenswerten Dekormotive - Ansicht einer Meeresgrotte und ein Teich in einem Garten - beidseitig in Form von zwei prägnanten Ansichten in einem von Zierkonsolen umrahmten Fenster bearbeitet. Auf beiden Seiten simulieren die gebogenen Enden, an denen die Griffe platziert sind, eine mit Pflanzen bewachsene Ziegelmauer.

Die Meeresgrotte offenbart ein romantisches Bild unberührter, aber einladender Natur. Einen Gegensatz dazu bildet der Teich auf der gegenüberliegenden Seite des Pflanzengefäßes, in dem sich eine Säulenreihe wiederspiegelt - eine raffinierte Vision, die an den Park Monceau in Paris und das Anwesen von Tissot in England erinnert. So wie nach dem Prinzip des Yin und Yang verweist dieser Kontrast auf die chinesische Kultur als wichtigste Inspirationsquelle des Künstlers für dieses spektakuläre Objekt.

Gustave Moreau, "Der barmherzige Samariter"

Gustave MoreauDer barmherzige Samariter© DR
Gustav Moreau malt mehrmals innerhalb seiner Laufbahn das Gleichnis des Barmherzigen Samariters aus dem Lukasevangelium, indem er verschiedene Momente der Erzählung und unterschiedliche Kompositionen auswählt. Dieses kleine Ölbild auf Holz wurde um 1865 ausgeführt, in einer Zeit, in der sich der Künstler vor allem mythologischen Themen widmet, wovon seine an den Salon übermittelten Werke zeugen.

Dieses hochwertige Gemälde in kostbaren Farben schreibt den verschiedenen Figuren denselben Stellenwert zu, deren aussagekräftige Gestik ebenso wie der landschaftliche Hintergrund charakteristisch für den Stil des Künstlers sind.

Dieser besteht aus einem knorrigen Baumstamm, Felsen, deren schroffe Spitzen an jene bei Leonardo da Vinci erinnern, und einer weitläufigen Ebene, deren sehr niedrige Horizontlinie den Eindruck eines weiten Raums vermittelt - trotz des kleinen Formats des Gemäldes. Das Detail des Esels, dessen Blick auf eine Schar von Geiern, die auf den Felsen rechts sitzen, gerichtet ist, verleiht der Komposition eine malerische Note.

 

Die kleinen Ölgemälde auf Holz von Gustave Moreau waren bei Kunstliebhabern ab den 1860er Jahren (so wie Paul Tesse, der erste Besitzer des Werks, oder auch Charles Hayem) besonders beliebt. Aus der Sammlung von Charles Hayem bewahrt das Musée d'Orsay u.a. das Gemälde Kreuzgang auf, das in Bezug auf Datum und Format mit Der barmherzige Samariter vergleichbar ist.

Alexandre Cabanel, "Das verlorene Paradies"

Alexandre CabanelDas verlorene Paradis© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Dieses Werk ist eines der seltenen Wanddekorationen des 19. Jahrhunderts, die in Deutschland von einem französischen Maler realisiert wurden. 1863 wendet sich König Maximilian II von Bayern an Alexandre Cabanel, um das Maximilianum in München zu dekorieren. Der Künstler wird beauftragt, die biblische Episode der Ursünde darzustellen.

Dieses emblematische Dekor (es wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört) für die aufklärerische Politik des Königreichs Bayern ist sowohl in Bezug auf seine Komposition als auch Dimensionen eine einzigartige Produktion innerhalb der Laufbahn von Alexandre Cabanel, einem der größten akademischen Maler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

Während seines fünften Ausbildungsjahres in Rom hatte der Künstler bereits an der Darstellung der biblischen Erzählung gearbeitet (Der Tod Moses, Dahesh Museum of Art, New York), wobei der Einfluss der Sixtinischen Kapelle und der Vision Hesekiels von Raphaël (Palazzo Pitti, Florenz) klar ersichtlich wird. Das verlorene Paradies übernimmt dieselben Referenzen: Raphael für die Figur Gottes und Michelangelo (u.a. das Grab von Giuliano de Medicis) für die Figur Adams.

Indem er der Nacktheit Evas einen zentralen Stellenwert einräumt, verleiht Cabanel diesem biblischen Thema eine völlig neue Dimension, welche die Entwicklung der modernen Empfindsamkeit wiedergibt.

 

Dieser Zugang ist umso wichtiger als das Musée d'Orsay (das sechs Werke von Alexandre Cabanel aufbewahrt) über kein einziges Gemälde im Zusammenhang mit der Aktivität des Malers als Dekorateur verfügte.

Jules Auguste Habert-Dys, Schmuckkästchen

Jules Auguste Habert-DysSchmuckkästchen© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Dieses luxuriöse Kästchen bezeichnet das Interesse von Habert-Dys für die Illustration und Feuerkünste, aber auch seine meisterhafte Beherrschung des Goldschmiedehandwerks, das von seinem Schwager Fernand Poisson ausgeführt wird.

Die Motive der Emaille-Platten weisen in der Tat eine starke Ähnlichkeit mit jenen Motiven auf, die er in seinen Dekorative Capriccios veröffentlicht hat, während die aufwändige Verzierung der Silberarbeiten seine spektakulären Kreationen vorwegnehmen, wie die berühmte Vase Rundtanz dreier Grillen aus dem Jahr 1905.

 

Der japanische Einfluss ist in der Form und Funktion des Objekts sowie den dekorativen Elementen ersichtlich. Die Verwendung von Makassar-Ebenholz ist bereits ein Zierelement an sich. Diese Auswahl bringt die natürliche Schönheit des Materials im japanischen Stil zum Ausdruck, so wie sie von den Protagonisten des Art Nouveau verstanden wird.

Dazu kommt das reiche Dekor der Emaille-Platten in zarten Farben, die von intensiveren Nuancen belebt werden (der Knospenkern der Chrysanthemen, der Blätterrand). Die Silberfassung besteht ebenfalls aus Verzierungen in Form von Pflanzenmotiven in einem zugleich üppigen und strukturierten Stil, der die Konstruktion des Kästchens prägt.

 

Das Innere ist ebenfalls sorgfältig verarbeitet, das Design der Silberteile übernimmt die Motive am Boden, auf der Rückseite und den Seiten der Emaille-Platten, die mit den typischen Arabesken der Jahrhundertwende verziert sind.

 

Mackay Hugh Baillie-Scott, Musikgehäuse

Mackay Hugh Baillie-ScottMusikgehäuse© DR
Der englische Architekt Baillie Scott, Protagonist der englischen Arts and Crafts, wurde vom Großherzog Ludwig von Hessen gebeten, in der Künstlerkolonie zu arbeiten, die er 1899 in Darmstadt gegründet hatte. Das Werk von Baillie Scott sichert somit eine der grundlegenden und dauerhaften Verbindungen zwischen der englischen Bewegung Arts and Crafts und den deutschen Sezessionisten.

1905 bestellt Hans Bacmeister, Regisseur an der Dresdner Oper, bei ihm eine Reihe von Möbelstücken, zu denen auch dieses Musikgehäuse zählt, sowie die zwei Sessel, die 2005 in den Bestand des Musée d'Orsay aufgenommen wurden. Diese außergewöhnliche Möbelreihe ist eines der seltenen Zeugnisse der luxuriösen Kunstobjekte von M-H Baillie Scott, von denen viele während des Krieges verschwinden sollten.

Das Musikgehäuse symbolisiert den Austausch, der nach und nach zwischen den großen Zentren des Art Nouveau gepflegt wurde. Die Gründer der Arts and Crafts-Bewegung arbeiten oft mit schwarzem Mobiliar. Man findet es ebenfalls bei den Künstlern, die sich mit geradlinigen geometrischen Formen auseinandersetzen, indem die rechtwinklige Architektur des Mobiliars betont wird, wie bei Charles Rennie Mackintosh in Schottland oder Josef Hoffman und Koloman Moser in Wien.
Hier gründet die Schlichtheit der Formen sowohl in der besonderen Affinität zur Rechtwinkligkeit, einer bestimmten Auffassung des "Funktionalismus", der eine einfache und lesbare Struktur diktiert, und der englischen Tradition (die vier sichtbaren Scharniere der Kabinetttüren).

Die dekorative Dimension der Greifringe und die Einlegearbeiten im oberen Bereich erinnern an die graphischen Experimente der Münchner Gruppe oder von Josef Maria Olbrich, der ebenfalls in Darmstadt arbeitete.
Die mit Intarsien verzierten Türeninnenseiten erinnern durch die geometrische Struktur und wertvollen Materialien an den Stil der Wiener Schule.

Anders Zorn, "Brunnenfigur, II"

Anders ZornBrunnenfigur, II (Fontänefigure, II)© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Maler, erfolgreicher Graveur, Bildhauer - Anders Zorn war einer der berühmtesten schwedischen Künstler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und eine wichtige Figur des internationalen und zugleich modernen virtuosen Stils, der sich um die Jahrhundertwende (19. / 20. Jhdt.) entwickelte.
Die Bildhauerei hatte ihn seit jeher interessiert: Er meldet sich 1875 in dieser Disziplin an der Kunstakademie in Stockholm an, um sich ebenfalls dem Aquarell und der Malerei zu widmen. Zwischen 1888 und 1896 lebt er in Paris, wo er als Portraitmaler v. Er zählt zum Bekanntenkreis von Rodin und übt sich regelmäßig in der Bildhauerei.

Die Skulpturen von Zorn zeigen sich eindeutig im Stil eines internationalen Naturalismus, den er ebenfalls auf das Material der schwedischen Volkskunst - das Holz - anwendet. Portraits, dekorative Statuetten, öffentliche Monumente - Zorn erforscht alle Aspekte der Bildhauerei seiner Zeit und zeigt nach seinem Pariser Aufenthalt zum Teil französische Einflüsse (Injalbert, Rodin).

Das Musée d'Orsay bewahrt drei Malereien von Zorn auf - Ein Fischer von Saint-Yves, vom Staat 1889 erworben, als Depositum im Musée des Beaux Arts von Pau, Nackte Frau beim Kämmenerworben 1906 für die nationalen Museen, und Portrait von Alfred Beurdeley, Vermächtnis von Marcel Beurdeley 1979 - aber keine einzige Skulptur.
Bei den seltenen Skulpturen von Zorn, die auf öffentlichen Auktionen versteigert werden, handelt es sich oft um kleine Formate, die einen mehr anekdotischen Charakter aufweisen. Fontänefigur, II (Brunnenfigur, II), eine monumentale Frauenfigur in einem soliden naturalistischen Stil, ist die zweite Version der zwei Brunnendekormotive, die von Zorn zwischen 1909 und 1911 realisiert wurden.

Der Erwerb dieser großen Bronzestatue bot eine einzigartige Gelegenheit, die nordische Kunstsammlung im Allgemeinen und die Sammlung der Skulpturen um 1910 in Europa im Besonderen zu vervollständigen.

Léon Augustin Lhermitte, "Die Umgebung von Les Halles"

Léon Augustin LhermitteDie Umgebung von Les Halles© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Leon Augustin Lhermitte soll laut Schätzungen mehr als zweitausend Zeichnungen und Pastelle angefertigt haben. Dieser äußerst aktive Künstler widmete sich sein ganzes Leben lang der Zeichnung. Lhermitte wurde an der Kaiserlichen Zeichenschule und insbesondere in den Kursen von Lecoq de Boisbaudran ausgebildet, der eine besondere Lernmethode basierend auf Gedächtnistechniken entwickelt hatte. Er lernt, ohne Modell zu arbeiten, sodass er in seinem Atelier in seinem persönlichen Arbeitstempo großformatige und technisch ausgereifte Zeichenblätter anfertigen kann, die gegenüber den Gemälden ein Eigenleben entwickeln.

Während er auf klassische Weise die Graphit-Zeichnung praktiziert, um seine Ölgemälde vorzubereiten, sind seine großformatigen Kohlezeichnungen für den Verkauf bestimmt: Es handelt sich um schöne Präsentationsblätter, die bei privaten Kunstliebhabern (z.B. Charles Hayem, ein bedeutender Sammler der Aquarelle von Gustave Moreau und Stifter des Louvre, aus dessen Sammlung das Werk Die Umgebung von Les Hallesstammt) großen Anklang finden. Die Zeichenkohle "ist die privilegierte Technik von Lhermitte, der er seinen Ruf verdankt".

Die Umgebung von Les Halles ist auf 1881 datiert, d.h. 1 Jahr vor dem phänomenalen Erfolg von Die Bezahlung der Schnitter, jenem Gemälde, das Lhermitte zu Berühmtheit verhalf. Diese Zeichnung zeugt von der urbanen Inspiration eines Künstlers, der mehr mit dem ländlichen Leben in Zusammenhang gebracht wird, das er im Übrigen oft dargestellt hat.
Auch wenn Lhermitte andere Marktszenen gemalt hat, handelt es sich um Märkte in der französischen Provinz. In diesem Zusammenhang stellt diese Zeichnung, die eine moderne Architektur (die später zu einem Symbol für Paris wurde) als Vorlage nimmt, eine bei diesem Künstler seltene Ikonographie dar.

Mittels einer gewagten Rahmung entführt Lhermitte den Betrachter in eine Straßenszene am Rande des Bauchs von Paris der von Emile Zola 1873 literarisch verewigt wurde. Die Ikonographie von Les Halles wird auf originelle Weise erfasst, denn die Darstellung zeigt nicht das üppige Angebot der Marktprodukte, sondern einen Floh- bzw. Antiquitätenmarkt mit Kunstobjekten und Gemälden.
Die Hauptstraße ist weniger bevölkert als beim Gemälde Les Halles (Paris, Petit Palais) auf dem sich Obst- und Gemüsehändlerinnen in einer urwüchsigen Atmosphäre aneinanderdrängen. Hier findet sich nicht das "malerische Durcheinander" der Gemäldeversion, sondern im Gegenteil eine klar ersichtliche Organisation mittels mehrerer Feldlinien, die zu einem Fluchtpunkt exakt in der Blattmitte konvergieren.

Amedeo Modigliani, "Portrait von Paul Guillaume bis zum Oberschenkel"

Amedeo ModiglianiPortrait von Paul Guillaume bis zum Oberschenkel© DR
Zwischen 1915 und 1916 realisiert Modigliani vier gemalte Portraits seines Mäzens. Das erste dieser Portraits wird im Musée de l'Orangerie aufbewahrt und veranschaulicht die besondere Beziehung zwischen dem Kunsthändler und seinem Schützling zu Beginn des Jahres 1915. Paul Guillaume, der damals erst 23 Jahre at ist, posiert hier in der Wohnung einer Freundin von Modigliani, Beatrice Hastings.

Modigliani schreibt den Namen des Händlers sowie Inschriften in Großbuchstaben - nach dem Vorbild von Reklametafeln aber auch der Gemälde seiner futuristischen Zeitgenossen - in Form eines humorvollen Manifests: Das ist Paul Guillaume, "Novo Pilota" - jener, der die Richtung vorgibt. So wie ein Automobilpilot oder Pionier der Luftfahrt nimmt er das Geschick der jungen Malerei in die Hand.
Auf einer persönlicheren Ebene beruft sich Modigliani auf ihn als neue Leitfigur seines Künstlerlebens: Mitten im Krieg, in einem Moment der kompletten Mittellosigkeit, übernimmt Paul Guillaume die Rolle eines materiellen und moralischen Unterstützers.

Außer den gemalten Portraits realisiert Modigliani mehrere Zeichnungen seines Händlers und Mäzens. Jene Zeichnung, die bei der Auktion im Ader-Haus erworben wurde, steht in direktem Zusammenhang mit dem gemalten Portrait.

Die Portrait von Paul Guillaume bis zum Oberschenkel, skizziert in klaren Linien die Nonchalance des Modells als Dandy, eine Hand am Kragen haltend. Zwar unterscheidet es sich in seiner Komposition vom Gemälde, das im Musée de l‘Orangerie aufbewahrt wird, allerdings besteht ein direkter Zusammenhang in Form der Inschrift in Großbuchstaben "NOVO PILOTA" unten links, überragt von einem Kreuz, an exakt derselben Stelle. Obwohl die Zeichnung kein Datum aufweist, erlauben es uns diese präzisen Elemente, sie zur selben Zeit wie das Gemälde zu datieren.

Mit dem Erwerb dieses Werks, das direkt aus der Sammlung Paul Guillaume stammt, bietet sich dem Musée de l‘Orangerie eine seltene Gelegenheit, da es sich bis jetzt im Besitz der Familie von Domenica Walter befand, sowie durch die enge Beziehung zum gemalten Portrait, das bereits im Musée d'Orangerie aufbewahrt wird.

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