Musée d'Orsay: Edgard Maxence Die bretonische Legende

Edgard Maxence
Die bretonische Legende

Die bretonische Legende
Edgard Maxence (1871-1954)
Die bretonische Legende
1906
Öl auf Leinwand
H. 150; B. 221 cm
© ADAGP, Paris © Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt

La légende bretonne [Die bretonische Legende]


Edgard Maxence stand auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Reife, als er Die bretonische Legende, eine seiner anspruchsvollsten Kompositionen, schuf. Sie zeigt ein Mädchen in traditioneller Festtracht von Pont-Aven, das bei rötlichem Vollmond unter einem Dolmen sitzt. Es wird durch die Erscheinung einer Fee oder Zauberin, die einen mit Hermelin besetzten Mantel und ein mit traditionellen Motiven besticktes Gewand trägt, erschreckt. Ein deutliches Vorzeichen drohenden Unheils ist auch die Erscheinung der roten Korriganen, bei denen es sich um kleine zwergenhafte Spukgestalten aus der Mythologie der Bretagne handelt.

Der aus Nantes stammende Maxence blieb mit seiner Heimat zwar zeitlebens tief verbunden, doch eine so eindringliche bretonische Folklore ist relativ untypisch für sein Werk, das sich normalerweise durch einen subtilen, mystischen Symbolismus auszeichnet, der den Einfluss der englischen Präraffaeliten erkennen lässt.
Die Tatsache, dass es sich bei dem Gemälde um eine Auftragsarbeit handelt, ist wahrscheinlich der Grund für den markanten regionalen Charakter. Die bretonische Legende war für das Pariser Stadthaus von Louis-Gustave Richelot (1844-1924), einem berühmten Chirurgen und Gynäkologen, bestimmt, der auch aus Nantes stammte.
Der Doktor Richelot, ein Schüler von César Franck, liebte Musik über alles und richtete in seinem Haus Abendgesellschaften und Konzerte aus, wo er seine eigenen Kompositionen auf dem Klavier vorspielte. 1905 komponierte er unter anderem eine Bretonische Legende, ein Stück für Stimmen und Orchester, das Maxence vermutlich bildlich wiedergegeben hat.

Das Werk steht im Einklang mit der bretonischen Bewegung zur Behauptung einer eigenen kulturellen Identität, die während der Belle Epoque ihren Höhepunkt erreichte. Der Maler zeigt eine humorvolle Gegenüberstellung der christlich geprägten Bretagne, die für ihren besonders strengen Glauben bekannt ist und durch die junge Bäuerin versinnbildlicht wird, und der von Mythen und Legenden geprägten heidnischen Bretagne, die durch die Korriganen und die Fee inmitten der Megalithenreihen verkörpert wird.




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