Musée d'Orsay: Das Wendel Unternehmen Dreihundert Jahre Industrie in Lothringen (1704-2004)

Das Wendel Unternehmen Dreihundert Jahre Industrie in Lothringen (1704-2004)

ARCHIV
2004

Aquarell
Charles de BertierDie Eisenhütten von Hayange 1866© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Ein wahres industrielles Abenteuer beginnt, als Jean-Martin Wendel 1704 in Hayange, einem kleinen Dorf im Fenschtal, eine halb verfallene Schmiede erwirbt. Die aus Brügge stammende Familie lässt sich in Lothringen nieder. Der jüngste Sohn von Christian de Wendel (1636-1708), Jean-Martin, wird Leiter des Eisenwerks von Ottange, bevor er in Hayange eine Dynastie von Schmiedemeistern antritt, die bis 1978 anhalten bleibt. Nach dem Tod dieses Pioniers erben seine Söhne fünf gut laufende Schmieden, deren Entwicklung sich bald mit der Geschichte der von Ignace de Wendel, seinem Enkel, gegründeten königlichen Gießerei von Creusot überkreuzen wird. Ignace de Wendel war eine beeindruckende Persönlichkeit. Er war nicht nur ein bedeutender Ingenieur, der sich für technische Erfindungen begeisterte, sondern auch Schriftsteller und Philosoph. Ein „aufgeklärter Geist“, der sich während der Revolution im Exil in Deutschland aufhielt und dort mit Goethe befreundet war, der zu diesem Zeitpunkt als Minister für Bergbau amtierte.

Gemälde
AnonymMarguerite d'Hausen, oder Madame d'Hayange© Denis Ernwein
Die Frauen spielten in diesem Abenteuer eine große Rolle: Madame d'Hayange (1718-1802), die Witwe des 1784 verstorbenen Charles de Wendel, muss die bewegende Revolutionszeit alleine durchstehen: Die Schmieden werden verstaatlicht und die Witwe kommt in das Gefängnis von Sarreguemines. 1803 müssen die Schmieden neu erworben werden und eine Art zweite Gründungszeit beginnt. Als Frau François de Wendel 1825 ihren Mann und 1870 auch ihren Sohn Charles verliert, wird sie mit der Annektierung konfrontiert. Sie gründet die Société des Petits-Fils de François de Wendel und übernimmt die Leitung der Fabriken.

 

Gemälde
AnonymFrançois de Wendel d'Hayange© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Im 19. Jahrhundert erlebt das Unternehmen einen neuen Aufschwung. François de Wendel (1774-1825) und Charles de Wendel (1809-1870) arbeiten zusammen. François lebt in Hayange und erwirbt die Schmieden von Moyeuvre und Jamailles, die er bewirtschaften wird. Mit ihm beginnt auch der Eintritt der Wendel Familie ins politische Leben: Er ist Abgeordneter und Präsident des Generalrates des Departement Moselle. Zusammen mit seinem Schwager Baron Théodore de Gargan gründet Charles die Arbeiterstadt und das Eisenbergwerk Stiring-Wendel. Sie erwerben die Kohlengrube von Petite Rosselle und bekommen auf diese Weise den notwendigen Rohstoff für die Versorgung der Hochöfen. Sie verfügen nun über Kohle-, Eisen und Stahlwerke.

Charles ist auch derjenige, der die Sozialpolitik ins Leben ruft: Er gründet eine hierarchisch strukturierte Arbeiterstadt, deren Modell bis in die 1930er Jahre erhalten bleibt. Dieser kluge Geschäftsführer begreift sehr schnell die bedeutende Rolle der Eisenbahn und gründet ein Eisenbahnnetz, das die einzelnen Fabriken miteinander verbindet und dem Französischen Ostbahnnetz angeschlossen ist.

 

Gemälde
Alphonse de NeuvilleFußgängerbrücke von Stiring, August 1870© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Das von Deutschland annektierte Lothringen (1870 bis 1918) kennt nun die düsterste Periode seiner Geschichte. In dieser Zeit erwirbt Henri de Wendel (1844-1906) ein von britischen Ingenieuren entwickeltes Verfahren zur Stahlherstellung  ; da die Familie Wendel – Geschäftspartner von Schneider und der Bank Seillière - danach strebt, in Frankreich eine Niederlassung zu besitzen, eröffnen sie 1882 das Werk von Joeuf. Für seine Kinder, die in Frankreich studieren und nur selten die Genehmigung erhalten, ihn in Lothringen besuchen zu dürfen, lässt er das Schloss von Joeuf errichten. Im Jahre 1905 lässt sein jüngster Sohn Maurice im Park des Schlosses für seine Familie das Schloss de Brouchetière bauen. 1913 erwirbt Maurice ebenfalls ein vornehmes Privathaus in der Avenue de New York.

Gemälde
Léon SimonDie Hütte von Joeuf© Musée d'Orsay, dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Er veranlasst ebenfalls die originalgetreue Restauration des im Louvre verwahrten Dekors des Hôtel de Besenval - 1782 von Clodion ausgeführt – und gibt bei dem berühmten katalanischen Maler José-Maria Sert (1876-1945) ein der Königin von Saba gewidmetes Dekor in Auftrag, das im Musée Carnavalet aufbewahrt wird.

 

Fotografie
AnonymFrau de Wendel, die Gattin von Henri de Wendel steht mit ihren drei Söhnen, François, Maurice und Humbert für die Glasmalerei von Hayange in gotischem Dekor Modell © DR
Im Jahre 1918 übernehmen die drei Söhne Henris gemeinsam die Leitung: François II (Politiker, Vorsitzender der Banque de France und des einflussreichen Comité des Forges), Humbert, der über gutes Verhandlungstalent verfügt, und Maurice, der sich hauptsächlich für die sozialen Angelegenheiten interessiert. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs befindet sich das Unternehmen auf seinem wirtschaftlichen Höhepunkt. Die Familie Wendel wird nicht mehr in Lothringen geduldet und ihre Fabriken beschlagnahmt. Die Lothringer müssen sich zwischen Deutschland und Frankreich entscheiden und werden des Landes verwiesen, wenn sie die französische Staatsbürgerschaft behalten wollen. Nach dem Krieg verändert sich die industrielle Landschaft. Im Jahre 1946 werden die Kohlebergwerke verstaatlicht. Mit François II de Wendel stirbt 1949 der letzte historisch bedeutsame Schmiedemeister. Die stets als Familienunternehmen geleitete Firma wird 1978 aufgrund der Folgen der europäischen Stahlindustriekrise ohne Entschädigung verstaatlicht. Trotzdem ist die Familie auch heute weiterhin unternehmerisch tätig.

 

AnonymDas Schloss von Brouchetière© DR
Die Ausstellung führt die Geschichte eines Industrieunternehmens vor Augen, das gemeinsam von den Männern und Frauen der Wendel Familie, den Direktoren und Partnern, den Angestellten und Arbeitern in einer geschichtsträchtigen Provinz aufgebaut wurde.

Sie setzt die Ausstellungsreihe, die bedeutenden Dynastien von Architekten wie die Vaudoyers (1991), Industriellen wie die Schneider Familie (1995), Künstlern wie die Halévys (1999) gewidmet ist, fort. br />
Fotografie
AnonymGesamtansicht des Grubeneingangs Saint-Joseph in Petite Rosselle© DR
Anhand von Gemälden, Skulpturen, Gegenständen, Modellen der Arbeitsstätten und Maschinen, Architekturzeichnungen oder technischen Zeichnungen und alten Fotos beleuchtet die Ausstellung das lothringische Abenteuer in drei Themenabschnitten:

  • Die Geschichte der Wendel Familie von ihrer Ankunft in Hayange im Jahre 1704 bis hin zum Tod des letzten historisch bedeutsamen Schmiedemeisters François II. de Wendel (geboren 1874) im Jahre 1949. Gemalte oder skulptierte Porträts (Carolus Duran, Ernest Hébert, Denis Puech), Aquarelle, Zeichnungen und Fotografien der Schlösser Hayange (Joeuf und de Brouchetière), der Stadthäuser in der Rue de Clichy und der Avenue de New York, diverse Gegenstände und Souvenirs, die über die Lebensart der Wendel Familie und ihre Einstellung gegenüber der deutschen Annektierung Auskunft geben.

  • Die großen industriellen, technischen und sozialen Errungenschaften: Die Übernahme der Hütten von Hayange, Gründung von Le Creusot, der Schmieden und Eisenwerke, die Bewirtschaftung der Kohlebergwerke in Petite Rosselle (Entwurf des Zechengeländes von Saint-Charles); Darstellung der sozialen Maßnahmen und der Arbeiterstadt Stiring-Wendel, ein Modell, das bis in die 1930er Jahre gültig ist.

 

 

  • Fotografie
    AnonymBergwerk von Hayange, Sortiermaschinen für Erz© DR
    Das Leben der Lothringer in den Bergwerken und in den Fabriken. Die überwiegende Anzahl der Gegenstände dieser Abteilung stammt von lothringischen Sammlern, ehemaligen Angestellten der Familie Wendel oder aus dem bemerkenswerten Museum der Eisenerzgruben in Neufchef in der Nähe von Hayange. Dieses Museum wurde vollständig von ehemaligen Bergarbeitern oder Angestellten der Eisenerzindustrie Lothringens aufgebaut.

    Gemälde
    Jean-André RixensDas Walzen von Stahl: Stahlblöcke werden in den Ofen geschoben und herausgenommen© DR
    Das bedeutendste Werk in diesem Teil ist sicherlich das große Gemälde von André Rixens: Stahlwalzen: Einsetzen und Entleeren der Blöcke, ein Monumentalwerk, das auf der Weltausstellung 1889 gezeigt wurde und eine Goldmedaille erhielt. Das große Gemälde von Alphonse de Neuville thematisiert die Annektierung der Moselle. Fotografien und andere Gegenstände zeugen von der beharrlichen Treue, die die Einwohner dieses Gebietes Frankreich gegenüber bewiesen.