Musée d'Orsay: Charles Gleyre (1806-1874). Der reuevolle Romantiker

Charles Gleyre (1806-1874). Der reuevolle Romantiker

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Bekenntnisse eines jungen Zeitgenossen

Charles GleyreSelbstportrait© Nora Rupp, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne
Am epischen Schauplatz der Malerei im Frankreich des 19. Jahrhunderts wird die tragende Rolle von Charles Gleyre viel zu oft vernachlässigt.
Allerdings hat sich dieser Wahl-Pariser um seinen Nachruf in Frankreich kaum gekümmert. Gleyre wird 1806 im Kanton Waadt geboren und bleibt sein ganzes Leben lang ein Bürger der Helvetischen Konföderation und überzeugter Republikaner.
Nach dem verhassten Staatsstreich von Louis-Napoleon Bonaparte im Jahr 1851 empfängt er nur mehr wenige Personen, stellt seine Werke nicht mehr aus und weist öffentliche Aufträge zurück. Krankheit und der Krieg von 1870 zwingen ihn, seine Lehrtätigkeit aufzugeben.

Wortkarg und einsam, bescheiden und zynisch - Gleyre ist bereits zu Lebzeiten vom Vergessen bedroht, als er im Mai 1874 stirbt. Vergeblich beeilt sich sein Freund Charles Clément, die letzten Zeugnisse zu sammeln und ein Verzeichnis der zahlreichen bereits im Ausland verstreuten Meisterwerke zu erstellen: Bald sollte nur mehr Illusions perdues [Verlorene Illusionen], ein melancholisches Gemälde im Musée du Louvre, in Erinnerung bleiben. Bekanntlich war er der erste Lehrmeister von Sisley, Bazille, Renoir und – etwas kürzere Zeit – Monet, bei denen es sich mehr um rebellische Schüler als um Anhänger handelte.

Warum ist es jetzt notwendig, uns im Rahmen einer Ausstellung das künstlerische Schaffen von Charles Gleyre erneut vor Augen zu führen? Weil er ein frenetischer Romantiker und unerschrockener Reisender war, bevor er sich zum Apostel des Schönen stilisierte? Weil ihn sein leidenschaftliches Interesse für die Vergangenheit veranlasst hat, prähistorische Welten zu erfinden? Weil dieser unbelehrbare Frauenfeind die feminine Schöpfungskraft verherrlicht hat? War er der letzte Epigone des Neoklassizismus, ein reuiger Romantiker oder ein Vorreiter des Symbolismus? Das paradoxe und kreative Werk von Charles Gleyre ist ein Spiegelbild des 19. Jahrhunderts und bietet sich heute in seinem ganzen Reichtum dem neuen Blick des 21. Jahrhunderts dar.

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