Musée d'Orsay: Félix Thiollier (1842-1914), Fotografien

Félix Thiollier (1842-1914), Fotografien

Félix Thiollier

Félix Thiollier Zechenlandschaft, Die Schächte von Chatelus in Saint-Etienne© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Wenn das Talent des Fotografen Félix Thiollier noch vor zwanzig Jahren vollkommen unbekannt war, so deswegen, weil es ihm nie um Anerkennung allein ging. Der Industrielle aus Saint Etienne beschloss im Alter von 35 Jahren, von seinem Vermögen zu leben, um sich ganz der Kunst und Archäologie zu widmen.
Der Lokalgelehrte begann Bildbände herauszugeben, die das Natur- und Kulturerbe des Forez sowie die Werke seiner Künstlerfreunde verewigen. Parallel zu dieser Aktivität beschäftigt er sich damit, das Kulturerbe der Gegend bekannt zu machen und kulturelle Veranstaltungen in der Gegend von Saint-Etienne zu organisieren.
Bis vor kurzem verdankte er sein regionales und nationales Ansehen vor allem diesen beiden Tätigkeitsbereichen. Heute weiß man, dass sich Thiollier, abseits der Fotografenkreise, mehr als fünfzig Jahre lang mit großem Eifer mit diesem Medium beschäftigte.

Félix Thiollier Landschaft mit Figur, Forez (Loire)© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Anliegen dieser Schau ist es, nicht nur seine vielfältigen Inspirationsquellen sondern auch seinen originellen Ansatz, der durch eine unerschöpfliche Suche nach pittoresken Motiven geprägt wurde, hervorzuheben.
Seine Interesse galt ländlichen Motiven und Industrielandschaften, die von den Amateurfotografen der Jahrhundertwende kaum dokumentiert wurden.

„Zu jener Zeit gab ich mich der Vorstellung hin, dass es möglich war, das Pittoreske und die Archäologie miteinander zu verbinden…”

Félix ThiollierEin Jäger© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Thiolliers intellektuelles und ästhetisches Vorbild war jene provinzielle Elite, die sich für Kunst und Archäologie sowie für Bücher begeisterte. Als ihn Ende 1850 seine Vorgänger dazu auffordern, bemerkenswerte Landschaften und Denkmäler des Forez zu fotografieren, haben sie schon daran gedacht, dieser ehemaligen Provinz, die sich über das Département der Loire und einen Teil der Haute-Loire und des Puy-de-Dôme erstreckt, ein Buch zu widmen. Schon Honoré d'Urfé pries in L'Astrée (1607-1627), diese Gegend.

Sie alle sind durchdrungen von der romantischen Tradition, die in pittoresken Bildbänden ihren Ausdruck findet und ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erreichen wird. Die Suche nach einer eigenen Identität der französischen Provinzen führt zu zahlreichen regionalistischen Publikationen sowie regionalen Stellungnahmen.
Thiolliers Bildband, Le Forez pittoresque et monumental , aus dem Jahr 1889 ist eines der letzten und bemerkenswertesten Beispiele dafür.

 

Das ländliche Ideal

Félix Thiollier Hirtin mit Herde© Musée d'Orsay (dist. RMN) / Patrice Schmidt
Dadurch, dass Thiollier aus der Stadt wegzieht und seinen Beruf als Industrieller aufgibt, wendet er sich nicht nur den Denkmälern und den Landschaften zu, die er dokumentieren will. Er wird auch zu einem Landbesitzer inmitten dieses bedrohten Arkadiens, denn er erwarb in den 1870er Jahren zwei bescheidene landwirtschaftliche Güter: ein Jagdrevier inmitten der Seen in Précivet und die ehemalige Komturei des Ritterordens des Heiligen Johannes von Jerusalem in Verrières.

Gleich einem Maler folgte er dem Vorbild der Künstler von Barbizon, deren Gemälde er sammelte, und dem seiner naturalistischen Freunde und hielt unermüdlich die Erinnerung an traditionelle Lebensformen und Know-How fest.
Um sich durch das Bild von dieser Erinnerung loszulösen, ist jedoch eine poetische Verfremdung erforderlich. Letztere wird vorzugsweise durch die Gegenwart der Künstlertochter des Fotografen erreicht, die sich für zeitlose ländliche Genreszenen vor der Kamera präsentiert.

„Charakteristische Landschaften”

Félix ThiollierFlusslandschaft© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Thiollier hatte sich schon vor seiner Begegnung mit Ravier im Jahr 1873 der Landschaft zugewandt. Die Entwicklung seiner uneingestandenen künstlerisch geprägten Einstellung zur Fotografie wurde maßgeblich durch den Maler Morestel beeinflusst, der auch seit 1850 als Fotograf tätig war.
Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Stunden sind Herbst- und Winterlandschaften, die sich durch das Fehlen jeglicher menschlichen Gegenwart auszeichnen. Seine Licht durchfluteten Variationen stellen ähnliche Motive wie die des Malers dar: ruhige Seen oder Bachufer, abgestorbene Bäume, Unterholz oder Feldwege. Das Repertoire, das Thiollier dazu anregt, die Naturschönheiten des Forez festzuhalten, entstammt dem Dauphiné.

Fluss- und Berglandschaften spielen eine wichtige Rolle, doch im Mittelpunkt steht nahezu immer der Himmel und die Wolken, die sich bisweilen im Wasser spiegeln.

Félix Thiollier Landschaft, Forez (Loire)© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Anstelle der Palette an Effekten, mittels derer Thiollier die postromantische Begeisterung ausdrückt, findet man bei Ravier leuchtende Farben und meisterhafte Pinselführung. Thiollier gelingt eine perfekte fotografische Interpretation der Landschaft.
Wenn man seine Arbeit der zeitgenössischen Kunstfotografie gegenüberstellt, dann zeichnet sich sein Stil vor allem durch die stark kontrastierenden Tonwerte aus. Seine Vorliebe für Schneelandschaften erklärt sich durch seine Präferenz für monochrome Naturdarstellungen. Aus diesem Grund findet man auch nahezu systematisch Gegenlichtaufnahmen, durch die das Motiv synthetisiert wird und die Landschaft theatralisch anmutet.

Besonders inspiriert Thiollier das Gefühl von Einsamkeit und Stille, das von der Dämmerung ausgeht. Seinen Schilderungen entnehmen wir, dass die von dramatischen Schatten geprägte Landschaft im Augenblick der Dämmerung einen ganz besonderen Reiz auf ihn ausübt.

Vertraute Regionen

Félix Thiollier Landschaft, La Sauvetat© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Seine Landschaften zeichnen sich indes nicht nur durch Effekte aus, auch Thiolliers Vorliebe für einsame Spaziergänge spiegelt sich in den ländlichen Szenen seiner Heimatregion wider. Sein traditionell geprägter pittoresker Ansatz, der bis in die 1880er Jahre vorherrschte, wurde durch die Romantik beeinflusst.
Die Umgebung wurde wie ein Schauspiel aus der subjektiven Perspektive des ersten Zuschauers dargestellt. Aus dieser Perspektive fotografiert Thiollier auch weiterhin, denn mehr noch als das Selbstbildnis gibt sie ihm die Möglichkeit, seine Person in die Landschaft, und somit in sein Werk einzubeziehen.

Félix ThiollierSee in Mornand, Forez (Loire)© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Es fehlt zwar noch immer jegliche menschliche Gegenwart in seiner Natur, doch dadurch kommt die Gegenwart des Fotografs nur deutlicher zum Ausdruck, denn die Orte, die er wählt, entsprechen in keinster Weise dem ästhetischen Kanon.

Aufgrund der zunehmenden Geschwindigkeit des fotografischen Verfahrens dank der Sofortbildkamera gibt der Fotograf den Standort auf, auf den er sich in der traditionellen Bildtradition beschränkte, nämlich diesseits des Alberti Fensters: seine Bilder sind die eines Spaziergängers in der Landschaft, der mitten auf einem Weg oder in einem Winkel seines Gartens innehält, um seine Gefühlsregung zu verewigen.

Der pittoreske Aspekt: die Fotogenität der schwarzen Stadt

Félix Thiollier Die Kokerei Verpilleux, Umgebung von Saint-Etienne© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Vierzig Jahre nachdem er sich für die Fotografie entschieden hatte und auf eine Karriere als Industrieller verzichtet hatte, begeistert sich der Fotograf für Saint-Etienne, „die lebendige, betriebsame Stadt (…), der die hier ansässigen Industrien einen ganz besonders pittoresken Charakter verleihen”: man befreit sich nicht so ohne Weiteres von den Regeln der ästhetischen Beurteilung, die im Grunde dazu beitragen, dass wir die Welt wieder-erkennen.

Die Bergwerke und Fabriken der Wiege der ersten französischen industriellen Revolution werden mehr als jeder andere Ort seinen Interessen gerecht: das Studium der atmosphärischen Phänomene, die vom Menschen geschaffene Bau- oder Gesteinslandschaft, und die Beziehung des Menschen zu Letzterer. Es scheint als seien die anonymen Silhouetten der Arbeiter gerade rechtzeitig gekommen, um dem „Eindruck (…) einer Art verborgenen Dramas” Nahrung zu geben, das ganz besonders den Einfluss Raviers und seinen nie versiegenden Drang nach Pittoreske erkennen lässt. Wie hätten auch die kleinen Leute der schwarzen Stadt dem Objektiv des Bürgers, der Thiollier gegen seinen Willen geblieben war, den exotischen Reiz ihrer Armut vorenthalten können?

Félix Thiollier ZechenlandschaftZechenlandschaft, Saint-Etienne© Musée d'Orsay (dist. RMN)
Wenn die Fotografie allmählich für Thiollier mehr bedeutete als nur ein Mittel, die natürlichen und archäologischen Schätze der Gegend zur Geltung zu bringen, dann deswegen, weil der Industrielle, der sich zumgentleman farmer entwickelt hatte, ahnte, dass die „Kunst an der Maschine” (Delacroix) durch Bilder die Spannung auflösen könnte, die zwischen den beiden Welten, denen er angehörte, nämlich der ländlichen, traditionellen einerseits und der industriellen, zeitgenössischen andererseits, bestand.
Die Verbindung des Pittoresken mit der Fotografie war besiegelt und sie konnte nicht abgebrochen werden, solange seine Arbeit als Herausgeber des Forez pittoresque nicht vollendet war: nämlich die ästhetische Aneignung des mentalen, identitätsstiftenden Territoriums, das in seinen Augen die Gegend des Forez darstellt und mit der er sich in dem „industriellen Bild” aussöhnt. Die Wahl des Mediums, dem Thiollier offiziell jeglichen Anspruch auf künstlerische Legitimität abspricht, wird indes nicht ohne Folgen bleiben.

Félix ThiollierGarten, Verrières© Musée d'Orsay / Patrice Schmidt
Da seine Kreationen zunehmend vom Auge und nicht von der Hand beherrscht werden, wird sein Blick freier und seine Bilder erstrahlen bald in den kühnen Farben des Autochroms: zehn Jahre bevor Industriestandorte zu den auserwählten Motiven der Fotografen der Moderne gehören, verherrlichen seine letzten Fotografien jene Orte, die jegliches Interesse entbehren: Schrottplätze, Brachland, Steinbrüche oder Ruinen des zeitgenössischen Forez, die sich seinem melancholischen, befreiten Blick offenbaren.

 

Biografie


1842
Félix Thiollier wird in Saint-Etienne als Sohn einer katholischen, sozial engagierten Familie des Bürgertums der Bandindustrie geboren.

1847
Umzug der Familie Thiollier nach Paris. Der Pfarrer Paul Lacuria wird als Hauslehrer seiner älteren Brüder eingestellt.

1851-52
Rückkehr der Familie Thiollier nach Saint-Étienne. Eintritt ins Collège Saint-Thomas d'Aquin d'Oullins in der Nähe von Lyon.

1858
Zulassung zur mündlichen Prüfung der École des Mines von Saint-Étienne, Félix Thiollier zieht es vor, eine Ausbildung für die Bandindustrie zu absolvieren. Er beginnt sich mit der Fotografie zu beschäftigen, womöglich steht ihm schon damals der Fotograf Stéphane Geoffray aus Roanne mit technischen Ratschlägen zur Seite.

1867
Im Alter von 25 Jahren gründet er seine eigene Bandfabrik in Saint-Etienne.

1869
Dank der Unterstützung des Malers Henri Baron (Cousin seines Vaters) erhält er einen Platz im Atelier des Malers Louis Français, den er jedoch aus familiären Gründen ablehnt.

1870
Heirat mit Cécile Testenoire-Lafayette, der Tochter von Claude-Philippe Testenoire-Lafayette, einem Notar und Lokalgelehrten, der der Société historique et archéologique du Forez, la Diana (1870-1879), als Präsident vorsteht.

1873
Begegnung mit dem Maler Auguste Ravier aus dem Dauphiné. Gibt bald die Hoffnung auf eine Karriere als Maler auf.

1879
Entschließt von seinem Vermögen zu leben. Wird Mitglied der Diana.

1881
Veröffentlichung des ersten Werkes, das mit seinen Fotografien illustriert ist, Le Poème de l'âme des Malers Louis Janmot.

1885

Erste Ausstellung seiner Fotografien in den Räumlichkeiten der Diana in Montbrison anlässlich des 52. Kongresses der Société Française d'Archéologie. Wird Mitglied dieser Gesellschaft, die ihm die Silbermedaille verleiht.

1886
Veröffentlichung von Château de la Bastie d'Urfé et ses seigneurs.

1889
Herausgabe des Bildbands Forez pittoresque et monumental. Als Auszeichnung für seine Bildbände erhält er auf der Weltausstellung von Paris eine Silbermedaille.

1894
Wird nicht ansässiges Mitglied des Comité des Travaux Historiques et Scientifiques im Ministerium für Unterrichtswesen.

1895
Der Fotograf wird mit dem Offiziersorden der Ehrenlegion ausgezeichnet.

1897
Er wird zum Ehrenkonservator des Musée d'art et d'industrie von Saint-Etienne bestellt.

1900
Für seine Bildbände wird ihm auf der Weltausstellung von Paris erneut eine Silbermedaille verliehen.

1902
Veröffentlichung von Histoire de Saint-Etienne von Claude-Philippe Testenoire Lafayette mit Illustrationen von Félix Thiollier.

1914
Félix Thiollier stirbt am 12. Mai in Saint-Étienne.

1917
Sébastien Mulsant veröffentlicht seine Biografie.