Musée d'Orsay: Das schwarze Modell von Gericault bis Matisse

Das schwarze Modell von Gericault bis Matisse

FrÃ?dÃ?ric Bazille, Young Woman with Peonies, French, 1841 - 1870, 1870, oil on canvas, Collection of Mr. and Mrs. Paul Mellon
Frédéric BazilleFrau mit Pfingstrosen© Courtesy National Gallery of Art, Washington, NGA Images
Das schwarze Modell von Géricault bis Matisse

Von der französischen Revolution bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848, von der Sklavenrevolte auf Santo Domingo im Jahr 1791 bis zur Entwicklung der "Négritude" in den 1930er Jahren - diese fast eineinhalb Jahrhunderte liefern ein außerordentliches Zeugnis von den Spannungen, Kämpfen und Debatten im Zuge der Entstehung der demokratischen Moderne, die von der darstellenden Kunst aufgegriffen und getragen werden. Langsam entwickelt sich trotz verschiedenster Hindernisse und Vorbehalte eine schwarze Ikonographie - und sogar eine schwarze Identität.

Ausgehend von drei zentralen Momenten - die Abschaffung der Sklaverei (1794-1848), die Periode der Neuen Malerei (Manet, Bazille, Degas, Cézanne) und die ersten Avantgarde-Bewegungen des 20. Jahrhunderts - bietet diese Ausstellung eine neue Sicht auf ein Thema, das viel zu lange vernachlässigt wurde: Es geht um den wesentlichen Beitrag, den dunkelhäutige Personen und Persönlichkeiten innerhalb der Kunstgeschichte geleistet haben.

Edouard Manet
 1862
 oil on canvas
 90 x 113 cm
Edouard ManetJeanne Duval© Museum of Fine Arts Budapest, 2018, photo by Csanád Szesztay
Durch die Wahl eines Titels in der Einzahl wird versucht, auf die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs "Modell" einzugehen, der sowohl als "Modell des Künstlers " als auch als beispielhafte Figur verstanden werden kann. Zahlreiche sog. "farbige" Frauen und Männer haben die Laufbahn von Künstlern gekreuzt und Beziehungen zu ihnen aufgebaut. Wer sind sie, diese illustren Vergessenen der Geschichtsschreibung der modernen Kunst ? Wir haben versucht, diesen Personen einen Namen, eine Geschichte und eine Sichtbarkeit zu geben.

Vom Stereotyp bis zur individuellen Person, von Unterschätzung bis Anerkennung versucht diese Ausstellung, den langen Entwicklungsprozess nachzuzeichnen und eines der größten unausgesprochenen und ausgeblendeten Phänomene der Kunstgeschichte zu beleuchten. Diese Disziplin wird erneut als ein Spiegelbild von Ideen und Sensibilitäten dargestellt und bestätigt somit die tiefgreifenden Zusammenhänge zwischen dem 19. und 20 Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Marie Guillemine BenoistPortrait von Maria Magdalena© RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) / Gérard Blot

Neue Betrachtung

Mehr als fünfzig Jahre liegen zwischen der ersten Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien und der zweiten - diesmal endgültigen - Abschaffung, die im April 1848 von der jungen Zweiten Republik proklamiert wird.

Am 4. Februar 1794 erkennt ein erster - doppelt revolutionärer - Abschaffungserlass den befreiten Sklaven ohne Unterschied der Hautfarbe die volle französische Staatsbürgerschaft zu. Für Frankreich im Jahre II nach der Revolution geht es darum, die siegreiche Revolte der Sklaven auf der Insel Santo Domingo im Jahr 1791 festzuschreiben, die von Toussaint Louverture angeführt wurde, und die Insel, die von ausländischen Seeflotten belagert wird, der Republik anzuschließen.

Allerdings führt Napoleon bereits 1802 die Sklaverei wieder ein. Aber die Truppen, die er nach Santo Domingo sendet, stoßen auf hartnäckigen Widerstand: Am 1. Januar 1804 wird die unabhängige Insel zur Republik Haiti, der "ersten schwarzen Nation", wie Aimé Césaire später sagen sollte.

Der historische Wendepunkt der französischen Revolution gibt somit den Auftakt für die zunehmende Anfertigung von Porträts emanzipierter dunkelhäutiger Personen, u.a. berühmte Werke wieJean-Baptiste Belley von Anne-Louis Girodet und Madeleine von Marie-Guillemine Benoist.
Obwohl diese Werke den künstlerischen Raum einnehmen, der von der damaligen politischen und sozialen Revolution geschaffen wurde, so zeugen sie dennoch von den typischen Widersprüchen dieser Zeit: In der Broschüre des Salons von 1800, die das Portrait de Madeleine [Maria Magdalena] begleitet, sind beispielsweise weder der Zivilstatus noch Vorname des Modells angegeben. Ebenfalls im Unklaren bleiben die Absichten des Künstlers, die heute noch umstritten sind.

Study of a Model; Théodore Géricault (French, 1791 - 1824); France; about 1818 - 1819; Oil on canvas; 47 � 38.7 cm (18 1/2 � 15 1/4 in.); 85.PA.407
Théodore GéricaultMännerstudie, nach dem Modell Joseph© Photo Courtesy The J. Paul Getty Museum, Los Angeles

Géricault und die Präsenz des Schwarzen

Théodore Géricault (1791-1824) ist ein Jugendlicher, als Napoleon I., der in Amerika ein mächtiges französisches Reich aufbauen möchte, die Sklaverei in der Karibik wieder einführt. Die besonders restriktive Gesetzgebung, die diese Wiedereinführung begleitet (Verbot interrassischer Eheschließungen, Verbot des Zugangs zur Hauptstadt für die Schwarzen der Kolonien...) führt zur Wiederaufnahme der Bewegung für die Abschaffung, an der sich Géricault aktiv beteiligt. Er stellt sich mit jugendlicher Leidenschaft in den Dienst dieses Anliegens und malt zahlreiche energische oder schmerzvolle Darstellungen von Schwarzen. />
Sein Briefverkehr erwähnt nichts über die farbigen Frauen und Männer, die für ihn posierten, aber wir wissen heute, dass er mit dem berühmten Modell Joseph aus Haiti zusammengearbeitet hat, der auch von Theodore Chasseriau dargestellt wurde. Für sein berühmtes Werk Das Floß der Medusa verkörpert Joseph den Seemann mit nacktem Oberkörper, der auf ein Fass gestützt die Fahne der letzten gemeinsamen Hoffnung schwenkt.

Die Anfertigung des Gemäldes, welches das unheilvolle Schicksal der Kolonialexpedition der Fregatte Medusa im Sommer 1816 vor der Küste des heutigen Mauretanien schildert, unterlief mehrere Etappen.
Obwohl sich die erste Skizze durch das Fehlen jeglicher dunkelhäutigen Person auszeichnet, sind in der endgültigen Fassung insgesamt drei schwarze Figuren vertreten, d. h. zwei mehr als uns die Geschichtswissenschaft überliefert. Indem er mehrere dunkelhäutige Figuren in sein Gemälde einfügt, verdeutlicht Géricault sein solidarisches Engagement und liefert der Bewegung für die Abschaffung ein entscheidendes Symbol.

Jean-Baptiste CarpeauxWeshalb zum Sklaven geboren?© Musée des Beaux-Arts de la Ville de Reims / C.Devleeschauwer

Die Kunst gegen die Sklaverei

Am 29. März 1815 schafft Napoleon I. den Sklavenhandel ab. Diese Entscheidung sollte von Ludwig XVIII. einige Jahre später bestätigt werden. Trotz zunehmendem Druck seitens der Befürworter der Abschaffung bleibt das System der Sklaverei weiterhin bestehen: Die aufeinanderfolgenden Regierungen der Restauration und Julimonarchie begnügen sich damit, es zu reformieren.

Die Maler wiederum schlagen einen raueren Ton an. Der Handel mit den Schwarzen von François-Auguste Biard sorgt auf dem Salon von 1835 für Sensation. Andere wagen es, die Qualen der Opfer eines unmenschlichen Systems anzuprangern. Zu ihnen zählt Marcel Verdier, Schüler von Ingrès, dessen Werk Bestrafung mit vier Pfählen auf dem Salon abgelehnt wird.

Erst am 27. April 1848 sollte die junge Zweite Republik die Sklaverei in den französischen Kolonien abschaffen. Biard wird beauftragt, diese symbolische Maßnahme zu zelebrieren: Schwarze und Weiße sind auf einem Gemälde versammelt, wo der Jubel der Befreiten, die gesprengten Ketten und die Trikolore-Fahne mit Enthusiasmus die brüderliche Einheit der neuen republikanischen Ordnung feiern.
Das riesige Gemälde von Biard orientiert sich somit an den Thesen gegen die Sklaverei von Victor Schoelcher. Nach dem Salon von 1848 erstellt der Bildhauer Charles Cordier ebenfalls ein Inventar der Menschheitsfamilie in ihrer Einheitlichkeit und einzigartigen Diversität.

 

 

 

Literarische Vermischungen

Charles Baudelaire Porträt von Jeanne Duval© RMN-Grand Palais (musée d’Orsay) / Jean-Gilles Berizzi
Die Rassenmischung, ein zentrales Thema der französischen Romantik, wird von zwei zentralen Protagonisten der damaligen Zeit verkörpert: Alexandre Dumas und Jeanne Duval. Der Autor von Le Comte de Monte-Cristo [Der Graf von Monte Cristo], Enkel von Marie-Césette Dumas, einer befreiten Sklavin von Santo Domingo, wird zum Gegenstand zahlreicher mehr oder weniger wohlwollender Karikaturen zu seiner Herkunft. Der Schriftsteller spricht das Thema Sklaverei offen in Kapitän Pamphile (1839) an.

Gustave Le GrayPorträt von Alexandre Dumas in russischer Tracht© RMN-Grand Palais (musée d’Orsay) / DR
Die Schauspielerin Jeanne Duval wird wahrscheinlich um 1827 auf Haiti geboren und ist ab dem Alter von 15 Jahren die Geliebte und Muse von Baudelaire.
Als ideale Figur der Dualität von Sein und Liebe durchquert sie die Illustrationen zum Werk des Dichters und kommt bereits sehr früh in den exotischen Gedichten des Poesiebands Die Blumen des Bösen vor, die wahrscheinlich zu den bevorzugten Gedichten von Manet – und mit Sicherheit von Matisse - zählen.

Der Fotograf Nadar sollte nach 1850 die kreativen Welten von Dumas und Baudelaire einander annähern. Obwohl er Jeanne Duval nicht fotografiert hat, beschrieb er sie, ebenso wie Theodore de Banville, der sie in seinen Erinnerungen erwähnt: "…ein dunkelhäutiges, sehr hoch gewachsenes Mädchen mit einem dunklen naiven und wunderschönen Gesicht, umrahmt von stark gekrepptem Haar, deren königinnenhafter Gang voller wilder Anmut etwas gleichzeitig Göttliches und Bestialisches an sich hatte".

 

Im Atelier

Eugene DelacroixStudie nach dem Modell Aspasie© Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / photographie Frédéric Jaulmes
Innerhalb dieser kleinen schwarzen Bevölkerungsgruppe im Frankreich des 19. Jahrhunderts finden die Künstler wahrscheinlich ihre Modelle, die gelegentlich für sie posierten. Die Atelierstudien sind einzigartige Zeugnisse von der Präsenz der Schwarzen in Paris, die damals hauptsächlich als Hausangestellte oder Handwerker arbeiteten.

Théodore GéricaultRückenstudie© RMN-Grand Palais / Philipp Bernard
Mangels eines richtigen Verzeichnisses gibt es nur wenige Quellen, um einem Gesicht einen Vor- oder Künstlernamen zuzuordnen. Nur wenige Mittel existieren, um den verschiedenen Modellen, die für die Künstler posierten, eine Identität zuzuweisen. Die wertvollen Archive der Pariser Kunstakademie liefern für einige von ihnen ihr Alter, ihre Adresse und manchmal ihr Herkunftsland.

Die gemalten Studien zeigen diese Frauen und Männer in Künstlerateliers, im Stil persönlicher individueller Porträts, die einen Kontrast zu den Gemälden des Salons bilden, bei denen die Ambivalenz der Stereotypen in Bezug auf schwarze Personen aufrechterhalten bleibt.

Obwohl diese Darstellungen ebenfalls auf die Beziehungen hindeuten, die zwischen den Künstlern und Modellen bestanden, so zeugen sie ebenfalls von der künstlerischen Arbeit, die zur Herausbildung einer neuen Ästhetik beigetragen hat.

 

Zum Werk Olympia

Edouard Manet
 1832-1883
 Olympia [Olympia]
 1863
 Öl auf Leinwand
 H. 130; B. 190 cm
 Auf Anregung von Claude Manet durch öffentliche Subskription dem Staat übergeben 1890
Edouard ManetOlympia© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Mit Ausnahme einiger heftiger Karikaturen bleibt die Figur der schwarzen Dienerin relativ unbemerkt im Skandal, der durch die Darstellung der Olympia von Manet auf dem Salon von 1865 entsteht. Die Kritiken konzentrieren sich hauptsächlich auf das Malsujet des Gemäldes, das als vulgär beurteilt wird, und die fehlende Idealisierung des weiblichen Akts.

Diese "Unsichtbarkeit" der schwarzen Frau verdeutlicht den konventionellen Aspekt der Darstellung (unterwürfige Haltung, ein Blumenstrauß in der Hand). Letztere steht ebenfalls in der langen orientalistischen Tradition, welche mit den Kontrasten und der knisternden Erotik spielt, die durch die Annäherung von dunkel- und hellhäutigen Körpern entsteht. Allerdings initiiert Manet eine radikale Wende, indem er nicht eine phantasievolle Badeszene vor einer exotischen Kulisse darstellt, sondern eine Prostitutionsszene im zeitgenössischen Paris wählt. Die Anwesenheit einer schwarzen Hausdienerin - die auf eine aristokratische und koloniale Vorstellungswelt hinweist - kann als ein Indiz für den gehobenen sozialen Status der Kurtisane gewertet werden und verstärkt die subversive Aussage des Gemäldes.

Paul CézanneEine moderne Olympia© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Als großer Bewunderer von Manet nimmt Bazille eine einzigartige Vermischung des modernen Paris und fernen Osten in seinem Werk Die Toilette vor, das auf dem Salon von 1870 abgelehnt wurde. Mit Moderne Olympia , das er auf der ersten Ausstellung der Impressionisten präsentiert, enthüllt Cézanne wiederum die Kulissen des Gemäldes von Manet, indem er einen Freier hinzufügt und der Dienerin eine aktive und theatralische Rolle zuweist.

 

Auf der Bühne

Félix NadarMaria von den Antillen© Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt
Die Anwesenheit dunkelhäutiger Personen im Zirkus- und Variétémilieu ist ab Beginn des 19. Jahrhunderts Gang und Gäbe. Unter ihnen findet sich eine gewisse Anzahl von Künstlern, die aus den USA oder der Karibik stammen. Somit wurde Joseph, der von der Insel Santo Domingo stammte, von Géricault inmitten einer Akrobatentruppe in Paris entdeckt. Auch die Musikerin Maria Martinez aus Havanna, der Shakespeare-Schauspieler Ira Aldridge und der begnadete Pianist Blind Tom, beide Amerikaner, versuchten, in Frankreich oder Europa Karriere zu machen.

Diese Anziehungskraft, welche die Pariser Bühnen auf die Schwarzen von der anderen Seite des Atlantiks ausübten, ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts, insbesondere im Zirkusmilieu, sehr ausgeprägt. Plakate und Presseartikel berichten über berühmte Amerikaner wie den kühnen Raubtierdompteur Delmonico und die Luftakrobatin Miss Lala, deren außerordentliche Darbietungen Degas zu einem Gemälde mit verblüffender Perspektive inspirieren. Ein anderes Register als jenes der sensationellen körperlichen Leistung wird vom Clown Rafael aus Havanna erforscht. Unter dem Bühnennamen Chocolat spielt er die Rolle des dummen August neben dem tyrannischen Weißclown Footit. Das Duo dient mehreren Werken von Toulouse-Lautrec, aber auch Reklamen, Spielzeug, Marionetten etc. als Vorbild Er wird von den Gebrüdern Lumière für die Universalausstellung von 1900 gefilmt.

3760127 Le Dompteur Noir - poster for the Folies-Bergère by Cheret, Jules (1836-1932) (after); (add.info.: Le Dompteur Noir-after poster for the Folies-Bergère by Jules Chéret. 19th century. Advertising show with Delomico, a lion tamer (in French \'belluaire\', lit. \'gladiator\') and lions and tigers. Showing a tiger jumping through a effervescent hoop. Théatre des Folies-Bergère, cabaret theatre/music hall in Paris/ France. Printed by J. Cheret, Paris.
 Dictionnaire Historique et Pittoresque Du Théatre et Des Arts Qui S\'Y Rattachent. Published by Librairie de Firmin-Didot et Cie, Paris, 1885. P. 301
 Artist: Jules Chéret 1836-1932); Lebrecht Music Arts; French,  it is possible that some works by this artist may be protected by third party rights in some territories.
Jules ChéretDelmonico, le dompteur noir. Fantaisies Oller, Music-Hall© Bibliothèque nationale de France, Paris

La "Schwarze Streitkräfte"

Im ersten Weltkrieg werden zahlreiche schwarze Soldaten mobilisiert. Ab Herbst 1914 beteiligen sich senegalesische Schützen, ein Armeekorps der Kolonialtruppen, am Konflikt. Nach einer Übergangszeit nehmen sie an den meisten großen Offensiven, u. a. den Schlachten von Verdun und des Chemin des Dames, teil.

Im Gegensatz zu Deutschland, das diese Kämpfer als Kannibalen darstellt, die auf disloyale Weise vom Feind benutzt werden, entfernt sich Frankreich von der kolonialen Vorstellung des "Wilden" und bemüht sich, ein Bild des treuen und mutigen Soldaten zu vermitteln. In diesem Sinne wurde die lachende Banania-Werbefigur geschaffen, die in den 1930er Jahren von den Aktivisten der Négritude angeprangert wird.

Ab dem Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 treffen Kontingente afroamerikanischer Soldaten in den Schützengräben ein und bringen eine neue Musik mit: den Jazz. 1918 begeistert das berühmte Regiment-Orchester "Harlem Hellfighters" unter der Leitung von James Rees Europe die Massen. Diese neue Präsenz einer schwarzen Gemeinschaft verwandelt das Paris der 1920er Jahre, das als kosmopolitisches Refugium für jene gilt, die vor der Rassentrennung in den USA flüchten.
Das Showbusiness wird von Künstlern aus den USA oder den Antillen neu belebt - die berühmteste unter ihnen ist die Tänzerin Josephine Baker. Mehrere Schauplätze, Filme oder Zeitschriften feiern die Leistungen der schwarzen Künstler.

85 P
Paul CézanneStudie nach dem Modell Scipion© Photo João Musa

Befürworter und Gegner des Kolonialreichs

Während die koloniale Eroberung in Rahmen der Universalausstellungen und Rekonstruktion von Eingeborenendörfern gefeiert wird, unterläuft die Beziehung zum "schwarzen Modell" um die Jahrhundertwende eine spürbare Veränderung. Eine imaginäre ferne Welt offenbart sich u. a. ab der ersten Reise von Gauguin auf die Insel Martinique (1887) und den traumähnlichen Urwalddarstellungen des Douanier Rousseau.
Diese idyllischen Visionen eines verlorenen Paradieses, verbunden mit der Entdeckung der afrikanischen Statuen durch Derain, Picasso und Matisse um 1906/1907, begründen die Entwicklung eines neuen Stils, der den einfachen mimetischen Bezug zum Modell in Frage stellt.

Picasso ersetzt das Gesicht einer der fünf Figuren seiner Die Fräulein von Avignon durch eine Baoulé-Maske, und Matisse malt den radikalen Akt Blauer Akt. Dieser künstlerische Wandel erhält mit der darauf folgenden Generation eine politische Dimension. Dadaismus und Surrealismus machen eine fantasievolle Vorstellung Afrikas zum anti-westlichen und anti-bürgerlichen Vorbild, das dem verrückten und poetischen Werk Impressionen aus Afrika von Raymond Roussel zugrunde liegt. Diese Vorstellung ist ebenfalls auf anderen Gebieten vorherrschend, wie beim Boxkampf zwischen Arthur Cravan und dem afroamerikanischen Weltmeister Jack Johnson.

Felix VallottonAïcha© SHK / Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto : Elke Walford

Die Bewegung der "Négritude" in Paris

Im Paris der 1920er Jahre herrscht eine echte Begeisterung für den Jazz und die schwarzen Künstler, und in zahlreichen Kunstwerken des Art Déco finden sich erotisierte Darstellungen schwarzer Körper. Die flüchtigen Musen der Pariser Bohème - Aïcha Goblet oder Adrienne Fidelin - werden porträtiert.

1919 wird in Paris die erste Pan-Afrikanische Konferenz von einem wichtigen Akteur der Harlem Renaissance, W.E.B. du Bois, organisiert, der die ersten Grundsteine für die Forderung auf Selbstbestimmung der Schwarzen legt.

Inmitten der vorherrschenden Kolonialhegemonie und dem aufkeimenden Faschismus ab den 1930er Jahren wird die Bewegung der "Négritude" in Paris 1931 infolge der Gründung der Revue du Monde noir durch die Dichter Léon Gontran Damas, Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor bestätigt, die dann 1935 auch die Zeitschrift L'Etudiant noir gründen.
Michel Leiris und die Zeitschrift Document de Bataille fordern wiederum eine ethnographische und soziologische Annäherung an die afrikanischen Objekte  ; Die Surrealisten schließen sich mit der Kommunistischen Partei zusammen, um eine Gegenausstellung zur gigantischen Kolonialausstellung im Jahr 1931 zu organisieren.

Auf seiner Reise nach New York, auf der Flucht vor dem Vichy Regime, entdeckt André Breton 1941, in Begleitung der Maler Wilfredo Lam und André Masson, in Fort-de-France fasziniert das Gedicht von Césaire "Cahier d'un retour au pays natal". Er verfasst mit Masson eine umfassende doppelte Hommage an Martinique und den Douanier Rousseau: Martinique, die Schlangenbeschwörerin (1948).

Henri MatisseDame à la robe blanche© Photo : Rich Sanders, Des Moines, IA. © Succession H. Matisse

Matisse in Harlem

Matisse unternimmt 1930 eine lange Reise über die USA bis nach Tahiti. Er entdeckt zum ersten Mal New York und ist von den Wolkenkratzern, dem Licht und den Musicals in Harlem fasziniert. Er entdeckt das schwarze Viertel, das gerade neu aufblüht, während Intellektuelle wie Du Bois oder Alain Locke, Musiker wie Louis Armstrong oder Billie Holiday, Fotografen wie James van der Zee eine moderne und urbane schwarze Kultur vertreten.

Matisse begeistert sich für den Jazz dank der Schallplatten, die ihm sein Sohn Pierre, ein New Yorker Galerist, mitbringt, und besucht die Clubs in Harlem, u. a. das berühmte Connie's Inn. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich ist er nachhaltig beeinflusst von den Jazz-Rhythmen, vermischt mit den Eindrücken der farbenfrohen Landschaften von Tahiti.

Diese Erfahrung sollte seine letzten Werke prägen. Er arbeitet damals mit mehreren Modellen gemischter ethnischer Herkunft: Elvire van Hyfte, belgisch-kongolesischer Herkunft, personifiziert den Kontinent Asien in einem sehr schönen Gemälde aus dem Jahr 1946, Carmen Lahens aus Haiti posiert für die Illustrationen zu Blumen des Bösen von Baudelaire, in entfernter Anspielung an die Geliebte des Dichters Jeanne Duval, oder auch Katherine Dunham, die Gründerin der Tanztruppe Ballets caraïbes gegen Ende der 1940er Jahre, die dem Maler als Inspirationsquelle zu einem seiner letzten großen Papierschnitte Kreolische Tänzerin (1951) dient. Daraus ergibt sich eine Vielzahl präziser graphischer Figuren, wobei sich die Zeichnung von Matisse der improvisierten melodischen Struktur des Jazz annähert.

Edouard Manet
 1832-1883
 Olympia [Olympia]
 1863
 Öl auf Leinwand
 H. 130; B. 190 cm
 Auf Anregung von Claude Manet durch öffentliche Subskription dem Staat übergeben 1890
Edouard ManetOlympia© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski

« J’aime Olympia en Noire »

Aufgrund ihrer Komplexität und formalen Aussagekraft ist die Olympia von Manet ein Meilenstein der modernen Kunst, der unzähligen Malern als Inspirationsquelle diente und von ihnen dekonstruiert wurde, von den Neuauslegungen von Cézanne und der Kopie von Gauguin ab 1891, über die Odalisken von Matisse bis zu den Neuinterpretationen von Harlem Renaissance, Pop Art und der Kunst der Gegenwart.

Die kombinierte Darstellung von hell- und dunkelhäutigen Figuren steht im Mittelpunkt der Neuauslegungen des Gemäldes. Die spielerischen Formen der chromatischen Dualität, der Kontrast zwischen liegender und stehender Position hinterfragen die rassebezogenen, sozialen und sexuellen Identitäten der beiden Frauen, das Verhältnis zwischen westlicher Welt und Afrika, und formen greifbare Bezugspunkte für die Künstler von morgen.