Musée d'Orsay: Fantin-Latour: : Französische Dichter an einem Tisch, Verlaine, Rimbaud und die Vilains Bonshommes

Fantin-Latour: : Französische Dichter an einem Tisch, Verlaine, Rimbaud und die Vilains Bonshommes

Henri Fantin-Latour (1836-1904)
 Un coin de table [Französische Dichter an einem Tisch] 
 1872
 Öl auf Leinwand
 H. 160; B. 225 cm
 Paris, Musée d'Orsay, Schenkung von Herrn und Frau Blémont, 1910
Henri Fantin-LatourFranzösische Dichter an einem Tisch© RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski
Coin de table [wörtlich: Ecke eines Tischs] ist ein recht nichtssagender Titel; es handelt sich um eines der vier großen Gruppenporträts, die Fantin-Latour als Hommage an seine Zeitgenossen malte. Nach der Hommage an Delacroix (Salon von 1864), nach Ein Atelier in Batignolles (Salon von 1870), wo Fantin von ihm geschätzte Maler sowie einige Dichter (z. B. Baudelaire) versammelt, wendet er sich den Schriftstellern zu. Auf dem Salon von 1872 stellt er dieses Gemälde aus, das eine Gruppe von Dichtern am Ende eines Essens zeigt. Der Nachwelt sind von den acht Gästen vor allem zwei bekannt: Verlaine und Rimbaud sitzen für die Ewigkeit nebeneinander, sie scheinen wie von den anderen Gästen isoliert.

Die lange Entwicklung, die zu dem Gemälde führte, kann anhand mehrerer Zeichenhefte und der Korrespondenz des Künstlers nachvollzogen werden: schon Ende 1864 plant Fantin, auf dem Salon 1865 ein Essen zu präsentieren, auf dem die um einen Tisch versammelten Gäste einen Toast auf einen weltberühmten Künstler (Rembrandt oder Velasquez) ausbringen, dessen Porträt im Hintergrund zu sehen wäre. Nach mehreren vorbereitenden Zeichnungen ändert Fantin seinen ursprünglichen Aufbau und präsentiert auf dem Salon 1865 eine Art reale Allegorie, Der Toast: eine nackte Frau – das Symbol der Wahrheit – umgeben von den Künstlern, die einen Toast auf sie ausbringen.

Er war jedoch nicht zufrieden mit dem Werk und zerstörte es nach dem Salon. Nach dem Krieg 1870-1871 beschließt Fantin ein Bild mit dem Titel Baudelaire – Der Geburtstag zu malen, auf dem zwölf Dichter um einen Tisch versammelt sind, an der Wand hängt gut sichtbar das Porträt von Baudelaire. Im Dezember 1871 führt er mehrere Studien zu diesem Gemälde aus. Auf dem Salon 1872 stellt er aber nicht das Bild zu Ehren Baudelaires aus sondern Französische Dichter an einem Tisch, von dem es keinerlei vorbereitende Dokumente gibt: weder Briefe, noch Zeichnungen. Im Vordergrund sehen wir einen weißen Tisch mit einem Dessert in sehr kräftigen Farben, die mit der dunklen Dichtergruppe, die den übrigen Raum einnimmt, kontrastieren. Der unsymmetrische Aufbau ist äußerst gelungen.

Die Gäste sind Mitglieder des Parnasse, einer Dichterbewegung der Jahre 1860, und haben gemeinsam die Zeitschrift La Renaissance littéraire et artistique gegründet. Von April 1872 bis Mai 1874 arbeiten daran: Mallarmé, Villier de l'Isle-Adam, Charles Cros, Germain Nouveau, Verlaine und andere heute vergessene Dichter. Die Anordnung der Gäste gibt Aufschluss über die Organisation der Zeitschrift: in der Mitte des Bildes sehen wir stehend Emile Blémont, den Chefredakteur, rechts und links neben ihm seine Assistenten Pierre Elzéar und Jean Aicard. Die drei Figuren zeichnen sich durch ihre elegante Kleidung aus. Die anderen sitzenden Figuren arbeiten, abgesehen von Verlaine und Rimbaud, die abseits in der linken Bildecke zu sehen sind, auch regelmäßig an La Renaissance mit (Léon Valade, Ernest d'Hervilly, Camille Pelletan).

Es stellt sich folglich die Frage: warum Verlaine, warum Rimbaud?
Das auf den ersten Blick so ruhige Bild ist in Wirklichkeit ein Ort, an dem Dichter verschiedener Auffassungen miteinander rivalisieren. Das Gemälde ist auch eine diskrete Hommage an die neugegründete Zeitschrift, es verweist auf einen Augenblick in der Literaturgeschichte, als die Parnassebewegung sich allmählich auflöst und nach neuen Lösungen gesucht wird: die Anwesenheit von Verlaine und Rimbaud auf einem Gemälde, das unbedeutenden Parnasse-Dichtern gewidmet ist, ist ein Beweis dafür.

Ausstellungsleitung

Luce Abélès, literarische Abteilung im Musée d'Orsay

27 Oktober 1987 - 24 Januar 1988
Musée d'Orsay

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